Geschichte: Mohammed und der Islam

    Aus WISSEN-digital.de


    Das mittelalterliche Abendland war seit seinen Anfangen dem Ansturm östlicher, der Religion des Islam anhängender Völker ausgesetzt. In mehreren aufeinander folgenden Angriffswellen versuchten Araber, Türken und Mongolen, ihren Glauben und ihre Herrschaft auf Europa auszudehnen. Über Nordafrika und die Straße von Gibraltar drangen im 8. Jahrhundert die Araber in Spanien und Südfrankreich ein.

    Der von den Merowingern begonnene Abwehrkampf mit Verteidigungsmaßnahmen und wiederholten Gegenangriffen zog sich auf der Pyrenäenhalbinsel, getragen vom spanischen Adel und von der Kirche, bis zum Ende des Mittelalters hin. Erst am Ende des 15. Jahrhunderts, nach dem Fall der letzten arabischen Hochburg Granada, war die christliche Wiedereroberung der Halbinsel, die "Reconquista", abgeschlossen.

    Die mongolischen, aus Innerasien heraus langsam nach Vorderasien vordringenden Turkvölker bedrohten etwa seit dem 11. Jahrhundert die Südostflanke Europas. Ihre Bekehrung zum Islam steigerte noch den Ausdehnungsdrang der Türken. Die vom gesamten christlichen Adel Europas unter Führung von Kaiser und Papst getragenen Kreuzzüge hielten den Islam für zwei Jahrhunderte auf, ohne seine Kraft zu brechen. Als der Zusammenbruch des Imperiums und die Machtverluste des Papsttums eine verhängnisvolle Schwächung der abendländischen Einheit und des europäischen Verteidigungswillens nach sich zogen, wuchs die türkische Gefahr gegen Ende des Mittelalters wieder zur elementaren Bedrohung des Abendlandes. Ihre ersten Opfer wurden das oströmische, byzantinische Reich und dessen Hauptstadt Konstantinopel (Eroberung durch die Türken 1453).

    Seit Beginn des 12. Jahrhunderts zeichnete sich mit der Bildung eines mongolisch-tatarischen Reiches auf asiatisch-russischem Boden unter Dschingis-Khan eine neue Gefahr für den europäischen Osten ab. Im Jahre 1241 unternahmen die Heere seines Enkels Batu im Zuge der Westausdehnung siegreiche Einfalle nach Ungarn und Schlesien. Nur innere Wirren hinderten die Mongolen an der Ausnutzung ihrer Siege. Transkaukasien und Bulgarien blieben jedoch unter ihrer Herrschaft, die bis zum Verfall des Mongolenreiches nach dem Tode ihres letzten großen Herrschers, Timur (1369-1405), eine stetige Bedrohung Osteuropas darstellte.

    Von größerer weltgeschichtlicher Bedeutung als die mongolisch-tatarische Reichsbildung, die freilich in der russischen Geschichte tiefe Spuren bis in die Gegenwart hinterlassen hat, waren arabische und türkische Stadtgründungen, die Byzanz von der westlichen, römischen Kultur abschnitten und als Kulturschranke zwischen dem Westen und dem Orient wirkten. Wenn auch heute politisch aufgespalten, blieb der Islam doch ein bestimmender Faktor der Weltgeschichte.

    Als Mohammed Ibn Abdallah aus Mekka (etwa 570-632), der Begründer des Islam, zu wirken begann, waren die semitischen Araber in eine Unzahl kleiner, untereinander verfehdeter Stämme aufgespalten; nur in wenigen Städten wie etwa in Mekka und Medina hatten sie Formen einer höheren Kultur entwickelt. Dort lebte neben jüdischen und christlichen Gemeinschaften eine arabische Bürger- und Kaufmannschaft, deren Reichtum und Kultur auf den Gewinnen aus dem Durchgangshandel und aus dem Warenaustausch mit den innerarabischen Nomadenstämmen beruhte.

    Dieser noch unkultivierte Teil des Arabertums beunruhigte durch ungeregelte Beutezüge die reichen Grenzlandschaften, ohne aber zur ernsten politischen Gefahr zu werden. Mohammed hatte bis ins beste Mannesalter hinein als Mitglied einer Kaufmannsgilde gewirkt und gelebt; erst durch visionäre Erlebnisse wurde er auf den Weg des Prophetentums getrieben. In seiner Lehre, die nach seinem Tod im Koran festgelegt wurde, verkündete er die Weltschöpfung allein durch Allah, der im kommenden Jüngsten Gericht Welt und Menschen wieder in seinen Schoß zurücknehmen werde, und forderte den "Islam", d.h. die unbedingte Ergebung in den Willen des einzigen Gottes Allah, als dessen Gesandter und Stellvertreter auf Erden er sich bezeichnete. Mohammed lehrte den Glauben an die Vorherbestimmung aller menschlichen Schicksale durch den Willen Gottes, in den man sich willig zu fügen habe - eine fatalistische Einstellung zum Leben, die jedoch nicht, wie oft fälschlich behauptet wird, in Taten- und Hoffnungslosigkeit mündet.

    Der Kultus wurde vom Propheten streng geregelt. Fünf tägliche Gebete zu genau festgesetzten Zeiten werden verlangt. Die Lehre fordert von ihren Anhängern Mildtätigkeit gegen Arme, regelmäßiges Fasten und eine jährliche - oder doch in gewissen Abständen regelmäßige - Pilgerfahrt zur Kaaba, dem alten arabischen Heiligtum in Mekka, das Mohammed auch zum Mittelpunkt seiner Religion erhob. Die höchste Stufe religiöser Hingabe sah der Prophet aber in der Teilnahme an einem Kriegszug, der die Herrschaft des Islam über die übrige Welt ausbreiten hilft. Wer an diesem Kampf teilnehme, werde nach seinem Tode mit Sicherheit auf den Eingang ins Paradies rechnen können. Ein herrliches Leben in diesem ganz konkret und sinnlich gedachten Jenseits erwartet den gläubigen Muslim, den Anhänger des Islam.

    Wahrheitsliebe und Zuverlässigkeit, Achtung vor Nachbarn und Verwandten, Verzicht auf Blutrache und Gewalttat waren die auch gesellschaftlich und politisch revolutionären Ideale der neuen Religion, die zunächst von der Mehrheit der Araber abgelehnt wurde. Für den endgültigen Erfolg des Islam aber waren wohl drei Gründe ausschlaggebend.

    Der erste dieser Gründe liegt im Entschluss Mohammeds, den für seine Lehre ungünstigen Boden Mekkas zu verlassen, das durch eine reiche, "aufgeklärte", religiösem Erleben fern stehende, von hellenistisch-jüdischen Einflüssen stark geprägte Kaufmannsaristokratie beherrscht war. 622 floh Mohammed mit wenigen Anhängern nach Medina. Dort predigte er mit größerem Erfolg seine Lehre; er konnte schließlich auch die politische Gemeinschaft prägen und beherrschen und verschmolz so die religiöse Prophetie mit der politischen Führung.

    Der zweite Grund lag in der auf medinischem Boden erwachsenen Erkenntnis, dass Juden- und Christentum Offenbarungsreligionen eigener Art waren und sich nicht, wie Mohammed zunächst geglaubt hatte, naht- und zwanglos seiner Lehre ein- und unterordnen würden. In Medina begann daher sein Kampf gegen die Juden - sie hatten nach Mohammeds Meinung die reine Lehre Abrahams verfälscht -; wer sich nicht bekehren wollte, wurde vertrieben. Dies war der Ausgangspunkt für den Weg des Islam zur arabischen Nationalreligion. Mekka trat an die Stelle Jerusalems, ihm wandten sich die Gläubigen fortan, wo immer sie leben mochten, im Gebet zu, die Gründung der Stadt wurde auf Abraham, den Vater Ismaels und Stammvater der Araber, zurückgeführt.

    Der dritte Grund aber liegt in der Nutzbarmachung der kriegerischen Kraft der innerarabischen Nomadenstämme für die Sache des Propheten. Zunächst lockte sie nur die Aussicht auf Krieg und Beute, aber allmählich wurden sie in ihrem Weltbild und Lebensgefühl von der Lehre Mohammeds geprägt.

    Die Welteroberung, beginnend mit der Einbeziehung zuerst Mekkas und danach der arabischen Grenzgebiete, galt von vornherein als Hauptaufgabe der Anhänger des Propheten, die mit der Flucht nach Medina ("Hedschra", 622) die Jahre der Weltgeschichte neu zu zählen begannen, so wie die Christen mit dem Geburtstag Jesu. Eine Welt aber trennte von Anfang an Christentum und Islam in ihrem Wesen. Ist das Christentum seinem Grundstreben nach eine unpolitische Lehre, so sind im Islam politische und religiöse Idee und Aufgabe eins. Schon Mohammed zeigt Charakterzüge und Handlungsweise des echten Politikers. Er war ebenso realistisch in der Einschätzung der politischen Möglichkeiten wie in den sittlichen Anforderungen an seine Anhänger; auf allen Gebieten der Moral gab er sich weitherzig und lebensoffen. Er verstand es, günstige Lagen zur Förderung seines Werkes abzuwarten, die politische Situation heranreifen zu lassen. Während sich das Christentum aus dem universalen Anspruch der Heilsbotschaft Jesu Christi verbreitete, trat der Islam seinen Siegeszug als eine nationalarabische, politisch-religiöse Idee an, die das Selbstbewusstsein des Arabertums verwirklichte.

    Das persisch-sassanidische Reich im Zweistromland und auf dem Hochland des Iran wurde das erste Opfer der islamischen Eroberung unter den Nachfolgern Mohammeds, den Kalifen. Danach wurde das byzantinische Reich bedroht und musste viele seiner Herrschaftsgebiete aufgeben. Im 7. Jahrhundert schon wurden Palästina, Syrien, Ägypten und Persien erobert. Dabei zeigte sich deutlich der pragmatische Zug der mohammedanischen Politik: Man zwang die Unterworfenen nicht sogleich zur Aufgabe ihrer einheimischen Religion, etwa des Christentums, sondern begnügte sich mit der politischen Herrschaft in der Rolle einer religiös berufenen Aristokratie. Dies wurde bedeutsam bei der Assimilation der aus der gleichen Völkerfamilie stammenden, jedoch christlichen Aramäer im alten Kulturgebiet des Zweistromlandes. So wurde die islamische Herrschaft oft weniger hart empfunden als die der Sassaniden oder der Byzantiner.

    Um 700 eroberten die Kalifen aus der Omaijaden-Dynastie, die ihre Residenz von Medina nach Damaskus verlegten, die gesamte nordafrikanische Küste. 711 errang der Feldherr Tarik vermutlich bei Jerez de la Frontera einen entscheidenden Sieg über die Westgoten: Die Pyrenäenhalbinsel fiel in die Hand der mohammedanischen Eroberer. Aber im Abstand nur weniger Jahre gelang es den beiden Flügelmächten Europas, dem Frankenreich im Westen unter Karl Martell (Schlachten bei Tours und Poitiers 732) und dem oströmischen Reich (Abwehr arabischer Angriffe auf Konstantinopel 674-678 und 717/18), den Zangenangriff der Araber auf Europa zum Stillstand zu bringen.

    Das mittelalterliche Imperium, das aus dem Frankenreich hervorwuchs, führte im Westen den Abwehrkampf unter Karl dem Großen fort, der mit der Spanischen Mark und den Städten Barcelona, Pamplona und Tortosa dem Islam ein christliches Bollwerk entgegenstellte. Das hochmittelalterliche Reich und die normannischen Wikinger bildeten schließlich zur arabisch-sarazenischen Bedrohung des westlichen Mittelmeerbeckens ein wirksames Gegengewicht. Die Aufsplitterung des weit gespannten arabischen Eroberungsraumes in diadochenähnliche Teilstaaten nahm schließlich dem Expansionsdrang der Mohammedaner seine Stoßkraft. Mit der Wiedereroberung Granadas 1492 und der Bildung christlicher Staaten auf der Pyrenäenhalbinsel (Leon, Navarra, Kastilien, Aragon, Portugal) war die Rolle des Islam in Westeuropa beendet.

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