Geschichte: Das Deutsche Reich

    Aus WISSEN-digital.de


    Im Ausgreifen des mittelalterlichen deutschen Reichs nach Osten verbanden sich christlicher Missionsauftrag und imperialer Herrschaftsanspruch des Kaisertums. Mit modernem Kolonialismus hat diese Ostbewegung nichts gemein. Auch hat man das Kulturgefälle von Westen nach Osten lange Zeit überschätzt. Heute ist bekannt, dass es im Osten auch vor der deutschen Kolonisation schon Städte gab, die auf Handel und Gewerbe gründeten. Die Bewegung richtete sich auf früher schon einmal germanisch besiedelte, im Zuge der Völkerwanderung verlassene und von den Slawen in Besitz genommene Gebiete östlich von Böhmerwald, Saale und Elbe.

    Der Kaiser spielte von Beginn an in dieser Ostpolitik die führende Rolle. Jedoch verlagerten die zeitweilige Schwächung des Kaisertums und schließlich der Zusammenbruch des Imperiums die Hauptlast der Ostkämpfe auf die Schultern der Markgrafen, etwa der Schauenburger in Holstein, der Askanier in Brandenburg, der Wettiner in Meißen und der Babenberger in der Ostmark. In dieser Aufgabe und ihrer Lösung lag auch der Grund zur Entwicklung der Grafschaften zu größeren Territorialstaaten. Die Markgrafen unterstützten den Deutschen Ritterorden und die kolonisierenden und missionierenden Mönchsorden wie Zisterzienser und Prämonstratenser. Der Eroberung und Missionierung folgte später die Besiedlung durch Binnendeutsche. Daneben kam es zur friedlichen Durchdringung östlicher Räume. Slawische, zum Christentum übergetretene Fürsten begünstigten diese Entwicklung - so etwa die in Mecklenburg ansässigen Obodriten, die Herzöge von Pommern, die Piasten in Schlesien und Polen, die Przemysliden in Böhmen und die Arpaden in Ungarn. Erst die Bildung eines verhältnismäßig starken Staats im polnisch-litauischen Raum, aber auch der im Hochmittelalter einsetzende Stillstand des Bevölkerungswachstums führten zu einem Stocken der Kolonisationsbewegung.

    Die Besiedlung des Neulands war meist planvoll organisiert. Unternehmer, Lokatoren genannt, legten die Siedlungen an; ihre Dörfer zeigten im Gegensatz zum Dorf des alten deutschen Lands das Bild des Straßendorfs.

    Die Bauern waren in diesen Siedlungsräumen zunächst persönlich frei und dem Landgeber lediglich zinspflichtig. Die östlichen Städte sind, ähnlich den dörflichen Siedlungen, durch ihre planmäßige Anlage gekennzeichnet. Sie wurden als Marktorte und Sitze bestimmter Gewerbe, als Bergbaustädte (Freiberg, Kuttenberg, Iglau) oder als Handelsmittelpunkte (wie z. B. die meisten Ostseestädte) gegründet. Stadtrechte verschiedener Prägung wurden entwickelt. Das Lübecker und das Magdeburger Stadtrecht waren führend; in Polen und Galizien nahm man sich das Breslauer, in Böhmen das Nürnberger, in Mähren das Wiener Stadtrecht zum Vorbild. In allen Bergbaustädten des Kolonisationsgebiets herrschte das Freiberger Bergrecht.

    Die Entstehung der Hanse als Wirtschaftsgemeinschaft der Handelsstädte ist ohne die Leistung der Ostkolonisation, die der Historiker Karl Hampe einmal eine "Großtat des deutschen Volkes im Mittelalter" nannte, nicht denkbar.

    Auf der Ostkolonisation beruht auch der jahrhundertelang führende Einfluss der deutschen Wirtschaft und Kultur im europäischen Osten, der erst auf Grund der Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs abnahm. Auf Kolonialboden erwuchsen schließlich die beiden deutschen Führungsmächte, Preußen und Österreich, deren Mit- und Gegeneinander zwei Jahrhunderte deutscher Geschichte tiefgreifend geprägt hat.

    Aber auch die Rückwirkungen des Ostlands auf das Stammland waren bedeutsam. Im Osten entstanden neue Kulturzentren ganz eigener Art; das Tor zur Neuzeit wurde durch den böhmischen Frühhumanismus unter Kaiser Karl IV. (1346-1378) auch für Altdeutschland aufgestoßen.

    Überblickt man das Geschehen der Ostverteidigung und der Ostkolonisation im Einzelnen, so lassen sich einige markante Abschnitte herausheben. Mit den Karolingern begann die erste planvolle Abwehr der Slawen längs der Linie Elbe-Saale. Karl der Große schuf klare Grenzverhältnisse an der Eider gegenüber Dänemark (811). Die deutschen Könige Heinrich I. und Otto I. unterwarfen die slawischen Gebiete bis zur Spree. Höhepunkt dieser Politik war die Gründung des Erzbistums Magdeburg (968), dem die Bistümer Brandenburg, Havelberg, Merseburg, Meißen und Zeitz als Missionszentren unterstellt wurden. Gleichzeitig wurden die Grafschaften als Gebiete politischer und militärischer Organisation gegründet.

    Nach der Niederlage Ottos III. in der Schlacht von Cotrone (982) gegen die Araber musste Deutschland für lange Zeit auch im Osten Rückschläge hinnehmen. Die Erstarkung Polens und seine Christianisierung durch den Piastenherrscher Misika I. führte unter dessen Sohn Boleslaw zur Gründung des Erzbistums Gnesen (1000). Ihm zugeordnet wurden die Bistümer Breslau, Kolberg und Krakau. Die erste größere Machtentfaltung erlebte das polnische Reich, das verschiedene Slawenstämme unter dem Namen "Polen" zusammenfasste, unter Boleslaw Chrobry (992-1025). Er gewann das Land der Pomoranen und 1002 auch die deutsche Lausitz; nach seinem Tode 1025 begann jedoch alsbald die Auflösung seines Staats. So entstand auch das Herzogtum Schlesien als Teilstaat der Plasten durch Erbteilung; 1146 geriet es in deutsche Lehnsabhängigkeit.

    Unter Kaiser Lothar (von Supplinburg, 1125-1137) erfuhr die Ostpolitik eine Neubelebung: Der Polenherrscher Boleslaw III. musste Pommern und Rügen als deutsches Lehen anerkennen, in Holstein wurden 1110 mit Adolf II. die Schauenburger eingesetzt, in der Nordmark mit Albrecht dem Bären die Askanier (1134), in Meißen mit Konrad die Wettiner (1136). Ihrer rastlosen Tätigkeit ist eine verstärkte Siedlungsbewegung im deutschen Ostraum zu verdanken. Mit Heinrich dem Löwen, Herzog von Bayern und Sachsen (1142-1180) aber traten die Welfen im östlichen Deutschland auf den Plan. Sie übertrafen in ihrer kolonisatorischen Leistung alle anderen Geschlechter. Von der Billunger Mark aus stießen sie planmäßig nach Osten vor. Durch ihre Tatkraft wurden zahlreiche Städte gegründet, die Bistumssitze Lübeck, Schwerin und Ratzeburg entstanden.

    Seit 1150 wirkten auch die Zisterzienser, hinter denen die geistige Kraft eines Bernhard von Clairvaux stand, bei der Erschließung der deutschen Ostgebiete mit. So manches deutsche Bauerndorf Ostdeutschlands war ursprünglich eine Klostersiedlung; der Ruf, dass unter dem Krummstab gut wohnen sei, war solcher Ostsiedlung der Klöster sicher förderlich. Der Gründer des Prämonstratenser-Ordens (1120), Norbert von Xanten, war als Erzbischof von Magdeburg in besonderem Maß für die Christianisierung und Kultivierung Ostdeutschlands tätig.

    Im Zuge der Ostkolonisation entstanden die bedeutenden Handelsstädte Hamburg (1189), Riga (1201), Reval (1219), Danzig (1224), Wismar (1229), Stralsund (1234) und Stettin (1243 mit Magdeburger Recht belehnt). Seit 1210 wurde Schlesien dem Deutschtum erschlossen, die Städte Hirschberg, Schweidnitz, Neiße und Ratibor wurden zwischen 1210 und 1215 gegründet, 1217 folgten Görlitz, Lauban und Oppeln.

    Unter Hermann von Salza (1209-1239) begann der von Herzog Konrad von Masowien herbeigerufene Deutsche Ritterorden mit der Unterwerfung und Bekehrung der Preußen, eines baltischen Volksstamms, der zusammen mit den Kuren, Litauern, Letten und Esten auch dem Angriff der christianisierten slawischen Staaten ausgesetzt war. Nach dem sizilianischen Vorbild seines kaiserlichen Freundes Friedrich II. begann Hermann von Salza die Errichtung eines für seine Zeit modernen Staats. 93 deutsche Städte, darunter Kulm, Thorn, Elbing, Marienburg, Königsberg und Memel, wurden gegründet. Nicht minder stark war die Siedlungstätigkeit auf dem flachen Land. Bis zum Jahre 1410 wurden im Herrschaftsgebiet des Ordens etwa 1400 Dörfer angelegt. Durch die Tätigkeit des Schwertbrüderordens, den Bischof Albert von Appeldern 1202 ins Leben rief, wurden Kurland, Livland und Estland in den deutschen Einflussbereich einbezogen. Die Städte Mitau und Dorpat entstanden.

    Die Verbindung der beiden Orden (1237) gab der Kolonisation neuen Auftrieb. Der Orden hatte ein 800 km langes Küstengebiet, das Polen und Litauen vorgelagert war, in seiner Verwaltung. Aber mit der Christianisierung des Landes verlor er seine Hauptaufgabe; er geriet in den allgemeinen Gegensatz der deutschen Stände, wurde Gegner der Hanse, vor allem Danzigs. Immer mehr entwickelte er sich zu einer exklusiven Adelsgesellschaft, der es nicht zuletzt durch das Wüten der Pest seit der Mitte des 14. Jahrhunderts zunehmend an Nachwuchs aus dem Reich mangelte. Zudem standen ihre "Untertanen" im Bund mit dem polnischen Gegner.

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