Geschichte: China

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    Ohne irgendeinen nachhaltigen Wirkungszusammenhang mit den vorderasiatischen Hochkulturen hat sich die Hochkultur Chinas entfaltet. Ihr Ausgangspunkt war der mittlere Howangho. Zwischen dem 6. und dem 2. Jahrtausend v.Chr. existierten in China verschiedene Steinzeitkulturen, die durch reichhaltige Funde (unter anderem bemalte Töpferware und schwarze Keramik) belegt sind.

    Nach und nach kristallisierten sich in den Regionen zwischen Jangtse und Hwangho kleinere frühfeudalistische Bauernstaaten heraus. Irgendwann im 3. Jahrtausend muss der Gedanke an eine zentrale Gewalt aufgetaucht sein. Jedenfalls erscheinen in den späteren Geschichtswerken die Namen legendärer Kaiser, und für die Zeit zwischen 2852 und 2205 ist in der Literatur eine erste Dynastie belegt - archäologische Zeugnisse für diese legendären Herrscher fehlen allerdings.

    Im 18. Jahrhundert v.Chr. tritt dann die erste nachweisbare Dynastie in den Gang der Geschichte ein: die Schang. Sie sind Großkönige mit Priesterfunktionen. Doch noch immer rivalisieren einzelne Staaten um den Vorrang: Die Schang werden von den an der Westgrenze ihres Einflussbereichs lebenden Tschou in blutigen Kämpfen gestürzt und die Tschou-Dynastie (um 1122-256 v.Chr.) begründet.

    Im Staatsaufbau gab es erhebliche Unterschiede zu den vorderasiatisch-ägyptischen Verhältnissen. Die Stellung des Herrschers als "Sohn des Himmels" ist noch am ehesten der des ägyptischen Pharao vergleichbar. Gänzlich andersartig aber ist das schon sehr früh ausgeprägte und den gesamten Ablauf der chinesischen Geschichte beherrschende Lehnssystem mit Lehnsfürsten von souveräner Machtstellung in ihren Teilreichen, der die Schwäche der Zentralgewalt entsprach.

    Von Beginn an ist eine hohe materielle Kultur zu beobachten. Seide, Leinen, Pelze waren hochentwickelte Bekleidungsmaterialien; gleiches gilt für die schon sehr früh porzellanähnliche Keramik; Elfenbeinschnitzerei und feinste Bronzegusstechnik runden das Bild ab. Die gesellschaftliche Gliederung der frühen chinesischen Hochkultur ist nicht sicher erkennbar. Immerhin gab es sowohl Sklaven als auch relativ "freie" Bauern. Die chinesische Schrift ist von Anfang an eine Schrift, die Bild und Lautsymbol miteinander verbindet. Pferd und Streitwagen waren die Werkzeuge der politischen Überlegenheit und Herrschaft der Schang über ihre Nachbarn. Beide revolutionierten die Kriegführung, die der adligen Erobererschicht vorbehalten blieb. Als höchster Gott der vaterrechtlich organisierten adligen Sippenverbände waltete "Ti" als König des Himmels, umgeben von vergotteten Ahnen und Naturgöttern, Dämonen und Geistern, die überall dem Menschen begegnen und ihn gefährden, vor denen er sich schützen muss. Der chinesische Ahnenkult, in seiner Art wiederum original und ohne Vergleich mit ähnlichen Erscheinungen der übrigen Hochkulturen, ist in dieser frühen Epoche schon vollständig ausgeprägt. Der Familienvater ist als Priester dieses Kults ab der Tschou-Zeit nachweisbar. Er hat seine Rolle im geschichtlichen Schicksal Chinas bis in unsere Zeit hinein gespielt. Das Orakel hatte im chinesischen Kult bis hinauf zum Kaiser eine bedeutende Funktion.

    Die Tschou-Dynastie bildete den Feudalstaat der Schang-Epoche aufs Feinste aus, fügte aber ein neues Element der Entwicklung hinzu: die Stadt. Sie war rechteckig angelegt, mit regelmäßigen Straßen und dem Palast als Verwaltungszentrum in der Mitte, der von einer Mauer umgeben war. Ihre Funktion war die einer Siedlung der adligen Herrenschicht und ihrer Diener. Ihre Versorgung erfolgte zuerst durch die Arbeit von Familien, die im Frühjahr vor die Tore zogen, Land der Umgebung rodeten und nach dem System der ursprünglich nomadischen Brandwirtschaft nutzten. Nach der Ernte zogen sie mit dem Ertrag zurück in die Stadt, wobei sie dem Lehnsfürsten als Stadtherrn ein Neuntel des Ertrags ablieferten.

    Im Fortgang der Entwicklung übernahm dann der ansässige chinesische Bauer, der mit dem Pflug intensiver zu wirtschaften gelernt hatte, die Versorgung der Städte. Mit seiner Gemeinde aber blieb er autonom, nur einer örtlichen Selbstverwaltung unterworfen. Die Ausbildung der bäuerlichen Abhängigkeit ist eine viel spätere Erscheinung, die sich im Lichte der jüngeren chinesischen Geschichte vollzog. Ihre Parallele fand sie im Zerfall der Zentralgewalt und im Aufstieg weniger, immer mächtiger werdender Teil-Lehnsstaaten, wie wir dies ähnlich auch in der deutschen Entwicklung beobachten können. Die Reformgedanken Kungfutses (Konfuzius) zielten darauf ab, einen strengen Sittenkodex zu sichern und durch Prägung eines neuen Ideals des "Edlen", ausgezeichnet durch Haltung und nicht durch Geburt, dieser Auflösung der feudalen Staatsordnung entgegen zu treten. Auch andere Philosophen, wie Mo Ti oder Laotse, der Lehrer des Taoismus, haben versucht, dem chinesischen Menschen in den Zeiten des Verfalls eine neue Weltsicht und Lebensanschauung und damit eine neue Ordnung zu geben. Die mystische Lehre des Tao, des Ur-Einen, trat neben die Verehrung der Staatsgottheiten. Der Mensch, der die Verbindung mit dem Tao verloren hat, muss sie wiedersuchen. Wer sie sucht, wird tugendhaft sein. Besonders die Gedanken Kungfutses hatten großen Einfluss auf die spätere chinesische Staats- und Sozialordnung, konnten aber den Verfall der Zentralgewalt und die Auflösung des Reiches in absolutistische Einzelstaaten während der "Periode der kämpfenden Reiche" (480-249 v.Chr.) nicht verhindern.

    In der chinesischen Geschichte begann eine neue Epoche, als die Fürsten von Tsin, die Herrscher eines westlichen Teilstaates, das gesamte Reich unter ihrer Herrschaft einten (221). Der alte Feudalstaat wurde nun durch den absolutistischen Einheitsstaat abgelöst. Der Kaisertitel wurde eingeführt. Tsin-Schih-Huang-Ti, "erster erhabener Herrscher von Tsin" (221-209), trägt ihn zum ersten Mal. Der Zentralstaat stützte sich auf eine Beamtenschaft, in die auch Angehörige niedriger Stände nach Ablegung komplizierter Staatsprüfungen aufsteigen konnten. Die Wirtschaft wurde durch Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten gefördert. Auch die Schriftzeichen wurden standardisiert. Ein einheitliches Recht für alle Landesteile löste allmählich das lokal gebundene Gewohnheitsrecht ab. Sozial bedeutete der Tsin-Absolutismus durch seine gegen die adligen Feudalgewalten gerichtete Bodenreform (Freigabe des Eigentums an Grund und Boden) zunächst einen gewissen Fortschritt. Dennoch blieb der Adel auch danach bestimmendes Element, wenn er sich auch vom alten Feudaladel allmählich zu einem Schwert- und Beamtenadel umbildete.

    Die Anhänger der alten Ordnung, vor allem die konfuzianischen Gelehrten und Priester, sollten durch die vom Kaiser im Jahre 213 durchgeführte Bücherverbrennung entmachtet werden. Es wurden sogar 400 Gelehrte lebendig begraben, um jede Reaktion im Keime zu ersticken.

    Der Tsin-Staat trieb zugleich eine imperialistische Ausdehnungspolitik. Die Stoßrichtung ging nach Süden, gegen Norden und Westen dagegen verhielt sich China defensiv, wie der Bau der Großen Mauer, gegen die benachbarten Nomaden, vor allem die Hunnen, gerichtet, beweist. Die Mauer muss man sich ursprünglich gleich dem römischen Limes als einen befestigten Erdwall vorstellen, bevor dann durch den Bau und die Zusammenfassung einzelner befestigter Abschnitte die gewaltige Schutzanlage entstand.

    Auf die Tsin- folgte die dem niederen Adel entstammende Han-Dynastie, unter deren Regiment das chinesische Reich eine Blütezeit erlebte. Ihre Herrschaft umfasste die Jahre 206 v. bis 220 n.Chr.. Konfuzius und seine Lehre kamen wieder zu Ehren, der Konfuzianismus wurde Staatsideologie. Die Macht der Zentralgewalt war allerdings immer wieder durch Hofintrigen der einflussreichen, mit dem Kaiserhaus verwandten Hochadelssippen bedroht, die vor allem bei jedem Thronwechsel um ihren Einfluss kämpften. Unter Wu-ti (141-86 v.Chr.) wurde der Höhepunkt der Entwicklung erreicht. China dehnte sich bis nach Hinterindien und Korea aus. Überall herrschte der "chinesische Frieden" ("Pax Sinica", vergleichbar der römischen "Pax Augusta"). Zur See und über die zentralasiatische Seidenstraße traten China und die römischgriechische Welt des Mittelmeeres in Beziehung zueinander. Waren wurden ausgetauscht, kulturelle Bindungen geknüpft. Aber noch kam es zu keinem echten weltpolitischen Zusammenhang. Ein chinesischrömisches Bündnis gegen die aus Innerasien hervorbrechenden, die Grenzräume Roms in Kleinasien ebenso wie die Chinas im Westen bedrohenden Parther lag sozusagen in der Luft, ist aber über die für damalige Vorstellung riesigen Entfernungen hinweg nicht zustande gekommen. Der Buddhismus drang seit dem 2. Jahrhundert n.Chr. langsam über Mittelasien nach China ein, daneben aber behauptete der Konfuzianismus seinen führenden Rang. Erst im Jahre 335 n.Chr. wurde Chinesen erlaubt, Mönch zu werden. Die Aufnahme des Buddhismus erfolgte um so leichter, als Taoismus und Buddhismus einander ergänzten.

    Geldwirtschaft, Handel und Handwerk entwickelten sich in der Han-Epoche immer mehr. Dennoch blieb die Landwirtschaft das bestimmende Element. Zu große Ernten (angebaut wurden Hanf, Hirse, Reis, Weizen, Hülsenfrüchte; die Seidenraupenzucht und Seidengewinnung oblag den Frauen) gab es nicht, Missernten und häufige Naturkatastrophen führten zu Hungersnöten. Immer mehr aber schob sich, wie in der römischen Entwicklung, auch die auf der Grundlage der Sklavenhaltung entwickelte Latifundienwirtschaft in den Vordergrund. Agrarreformen - ähnlich der der Gracchen in Rom - versuchten die urtümliche Agrarverfassung des Brunnenfeldsystems wiederherzustellen. Das Brunnenfeld (benannt nach dem Schriftzeichen für Brunnen, d.h. vier rechtwinklig sich kreuzende parallele Linien, die neun gleichgroße Quadrate ergeben) war ein Staatsacker, der in Gemeinschaftsarbeit bestellt wurde und um den die bäuerlichen Eigenfelder gelagert waren. Die Reformversuche blieben aber auf die Dauer gesehen ohne Erfolg.

    Die Gelehrten, aus deren Kreis auch die Beamten der Reichsverwaltung stammten, gewannen große Bedeutung im Staat. Die oberste Klasse bildeten die Mandarine. Sie gingen aus der neu sich formenden Großgrundbesitzerschicht hervor und lösten im Zeichen der Latifundienwirtschaft den alten Feudaladel ab.

    China nach der Han-Dynastie

    Das Ende der Han-Dynastie brachte den Chinesen nicht nur die totale Auflösung des Reiches, sondern auch den Einbruch mongolischer Völker wie der Hunnen und deren Fremdherrschaft. Im 3. und 4. Jahrhundert n.Chr. gab es in Nordchina kurzlebige Dynastien und Reichsbildungen der Eindringlinge, zeitweilig sind 16 Staaten feststellbar, und nur der Süden hat noch ein einheimisches Herrscherhaus vorzuweisen. Die Fremdherrschaft hinterließ bleibende Spuren im chinesischen Volkscharakter und Staatsleben, sie konnte jedoch die einheimische Kultur nicht von Grund auf verändern. Wie die romanischen Völker des zerfallenden Imperium romanum die Germanen aufgesogen haben, so auch die Chinesen ihre zeitweiligen politischen und militärischen Überwinder.

    Eine Wende trat ein, als es der Sui-Dynastie 589 gelang, das Reich unter ihrer Herrschaft zusammenzufassen. Bis zu ihrem Ende (618) war der Buddhismus die wichtigste Religion in China geworden. Das Erbe der Sui-Kaiser wurde zu Beginn des 7. Jahrhunderts von der bedeutenden Tang-Dynastie angetreten. Abgesehen von der glänzenden Periode unter Kaiser Tai-tsung (627-649) erlebte aber auch das Tang-Reich ständige Palastwirren und Usurpationen, die seine innere Einheit ebenso schwächten wie seine Abwehrkraft nach außen. Dennoch kam es in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts in einem Abschnitt verhältnismäßiger Ruhe zu einer kulturellen Blütezeit.

    Nach dem Untergang der Tang-Dynastie im Jahre 907 folgte eine Periode erneuter Anarchie, die erst durch die Ausrufung eines Soldatenkaisers, des Generals Tschao Kangyin, im Jahre 960 beendet wurde. Die von ihm begründete Sung-Dynastie herrschte bis 1279, dem Jahr des großen Mongoleneinfalls über China. Der Außenhandel wurde belebt; das Land erlebte eine Wirtschaftsblüte. Im Norden musste jedoch die Herrschaft der Tungusen geduldet werden. Unter Dschingis-Khan (gest. 1227) und seinem ersten Nachfolger kam es zu einem Bündnis der Mongolen und der Sung-Herrscher gegen die Partikulargewalten im Norden, aber im Augenblick des Sieges über die Teilreiche des Nordens begann auch schon die Rivalität zwischen den Verbündeten.

    Die Mongolendynastie der Yüan trat unter dem Groß-Chan Kublai (1260 bis 1293) ihre Herrschaft über China an. Dieser Herrscher über das mongolische Großreich und über China hatte weitgesteckte Eroberungspläne. Er eroberte Teile von Burma, scheiterte jedoch bei einem groß angelegten Unternehmen zur Eroberung Japans. Über sein Reich, das sich von Korea bis Persien, vom Südmeer bis zum Baikalsee erstreckte, hat schon der venezianische Reisende Marco Polo den staunenden Zeitgenossen berichtet. Unter seiner toleranten Herrschaft wurden die großen Religionen der Welt, Christentum, Islam und Buddhismus gleichermaßen geduldet. Die Grenzenlosigkeit des Reiches eröffnete Handel und Reiseverkehr großartige Möglichkeiten: Es kam zu einer wirtschaftlichen und kulturellen Blüte. Diese innere Erstarkung, durch geschickte diplomatische Zusammenarbeit der Unterworfenen mit den ausländischen Herrschern ermöglicht - wobei die Mongolen auf ihre sonst übliche Taktik der Verwüstung unterworfener Länder verzichteten -, legte den Grund für die schon 1348 ausbrechende Erhebung gegen die Fremdherrschaft, die mit deren Sturz und dem Sieg der einheimischen Ming-Dynastie im Jahre 1368 endete. Unter Yung-Lo (1403-1424) erlebte das Ming-Reich den Gipfel seiner Macht. Unter ihm begann, durch Forschungsreisen des Gelehrten Tscheng-Ho vorbereitet, der Strom der Auswanderer und Handelsreisenden Chinas in die Inselwelt Südostasiens zu fließen, der erst in der Ära Mao Tse-tungs zum Stillstand kommen sollte.

    Die innere Entwicklung Chinas im Mittelalter zeigt trotz häufigen Wechsels von Perioden der Machtkonzentration und der Auflösung auf vielen Gebieten eine gewisse Stetigkeit. Die Feudalwelt versank, die Entwicklung eines Berufsbeamtenstandes, der sich durch gelehrte Bildung ausweisen musste, bestimmte zunehmend die politische Struktur; der ritterliche Grundherr wurde von dem wirtschaftlich führenden Stand des als Händler und Verpächter tätigen Unternehmers abgelöst. Zivil- und Militärverwaltung waren bereits seit der Sung-Dynastie getrennt.

    Im Bereich der Wirtschaft konnte auch das Ming-Reich das alte Problem Chinas, den Ausgleich zwischen Jahren der Agrarüberschüsse und der Missernten, nicht lösen, trotz mancherlei Versuchen agrarischer Reformen. Der Steuerdruck und die Militärdienstpflicht lasteten weiterhin schwer auf dem Bauernstand ? so gab es immer wieder Landflucht und die Bildung vagabundierender Menschengruppen, die sich revolutionären Bewegungen und militärischen Usurpationsversuchen da und dort zur Verfügung stellten, nachdem sie vorher dem Zwang des örtlichen Steuererfassungs- und Rekrutierungssystems durch die Wanderschaft entgangen waren. Den bedeutendsten Aufschwung erlebte im mittelalterlichen China der Binnen- und Fernhandel, gestützt auf den Ausbau des Kanalsystems und einer Handelsflotte beachtlichen Ausmaßes. Die Überland- und Überseeverbindungen reichten bis nach Persien, Indien, Arabien, Japan und in die Inselwelt des malaiischen Archipels. Eine wichtige Mittlerrolle spielten dabei arabische Händler, die den Austausch der in China bis ins 5. Jahrhundert hinein begehrten Glaswaren gegen chinesische Produkte vermittelten, vor allem wurde das berühmte chinesische Papier in die Mittelmeerländer und nach Westeuropa gebracht. Später gelangten chinesische Erfindungen auf diesem Weg ins Abendland: Schießpulver, Raketen, die Anwendung von Salpeter und die Magnetnadel (11. Jahrhundert).

    Die religiöse Entwicklung Chinas im Mittelalter vollzog sich unter der Vorherrschaft des Buddhismus, etwa der des Christentums in Europa vergleichbar. Der chinesische Buddhismus ist eine Synthese der ursprünglichen Lehre Buddhas mit der geistigen Tradition des Landes. Auch hierin zeigt sich die Parallelität zur religiösen Entwicklung im Abendland. Buddha hatte seine Religion als für alle Menschen gültige Lehre konzipiert. Sie war im wesentlichen Soziallehre, was ihr größtes Anziehungsvermögen auf die breite Masse der Armen und Entrechteten einbrachte.

    Die buddhistischen Lehrer brachten indische Philosophie und ebenso mathematische und astronomische Kenntnisse nach China mit; tief reichte ihr Einfluss in das chinesische Geistesleben hinein, ebenso wie durch sie auch indische Kunstvorstellungen mit der religiösen Plastik, Malerei und dem Sakralbau in die chinesische Tradition einflossen. Stützpunkt des Buddhismus wurden vor allem die Klöster.

    Anders als das Christentum im Abendland war der Buddhismus duldsam gegenüber anderen Religionen. Das Fehlen einer Hierarchie ließ es zu keiner Spannung zwischen Kirche und Staat kommen, wie sie das christliche Abendland im Mittelalter kennzeichnet. Seine offene innere Struktur war der dogmatischen Erstarrung abhold, ermöglichte eine stetige innere Fortentwicklung und Anpassung an die Bedürfnisse der Massen und verhinderte so die Gefahr der Spaltung in dogmatische Sonderrichtungen.

    Neben den ursprünglichen chinesisch-buddhistischen Erlösungskult trat im Gang der religiösen Entwicklung die indische Yogalehre mit ihrem Streben nach ekstatischer Vereinigung der Einzel- und der Weltseele. Sie soll durch Konzentration und Meditation erreicht werden, die geistige Kräfte freimachen und den Yogi von seiner Umwelt loslösen sollen. Schließlich endete diese Weiterentwicklung des Buddhismus in der volkstümlichen Magie des Tantrismus, der durch Opfer, Gebet, Versenkung und Beschauung, durch sittliche Reinheit und Güte den Menschen in den Besitz übernatürlicher Kräfte bringen will, mit denen er selbst über den Gang der Natur triumphieren und ihre Gesetzmäßigkeiten überspielen kann. Der Tantrismus beeinflusst sehr stark auch den Lamaismus.

    Der Buddhismus musste sich zu jeder Zeit mit volkstümlichen religiösen Traditionen, aber auch mit anderen Lehren ausländischer Herkunft, so mit der Lehre Zoroasters, mit dem Christentum und dem Islam auseinandersetzen. Daneben erwuchsen ihm in der einheimischen Philosophie bedeutsame Gegenströmungen. Fan Tschen (450-515) vertrat in seiner Abhandlung über die "Sterblichkeit der Seele" die Ansicht, dass Seele und Körper in funktionellem Zusammenhang stehen und gemeinsam mit dem Tod vergehen. In engerer Verbrüderung mit dem Buddhismus stand dagegen die scholastische Philosophie der Sung-Zeit, vor allem aber auch die Moralphilosophie Tschu-hsis (1125-1200). Die moralische Interpretation der Geschichte stand im Mittelpunkt seiner Werke.

    Das chinesische Mittelalter hat aber auch in den Bereichen Dichtung, Geschichtsschreibung, der Literaturwissenschaft und der Geografie bedeutende Leistungen hervorgebracht. Religiöse und weltliche Motive bestimmten gleichberechtigt den Inhalt - etwa der bedeutenden frühmittelalterlichen Lyrik -, besondere Beachtung aber schenkte man der formalen Vollendung. Die Mongolenzeit hat in den Formen des Romans und des Dramas auch einer sicherlich längst in der mündlichen Überlieferung lebendigen Volksdichtung literarischen Rang verliehen. Historische, ritterliche Themen, Sittenschilderungen, allgemeine Lebensfragen bestimmten den Inhalt des mittelalterlichen chinesischen Romans. Tanz und Theater gab es bereits in der Han-Zeit, sie entwickelten sich über Possenspiele und gesungene Balladen zu Drama und einer Art Oper. Geschichte und Sage lieferten den Inhalt. In der Art, wie patriotische oder allgemein menschliche Heldentaten darin gestaltet werden, ergeben sich mancherlei Anklänge an das abendländische Barocktheater, wie auch die Gattungen des historischen, des bürgerlichen, des mythologischen und des Charakterdramas gewisse verwandte Züge mit der Schauspiel- und Operndichtung Europas aufzuweisen haben.

    Seit Beginn der Neuzeit unterlag China immer mehr dem Einfluss europäischer Ideen und Mächte. Die Entwicklung begann mit dem Eindringen des europäischen Handels durch die Initiative der Portugiesen 1514 und 1516 (Kanton) und der Tätigkeit der Jesuitenmissionare seit den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts. Um diese Zeit hatte die Ming-Dynastie ihren Höhepunkt bereits überschritten. Günstlingswirtschaft bei Hofe, beständige Unruhen im Reich schwächten das Regime so, dass die Ch'ing oder Mandschu, Nachfahren der halbnomadischen Dschurdschen, die Macht an sich reißen und mit der Ch'ing-Dynastie (1644-1911) eine 268 Jahre währende Fremdherrschaft in China errichten konnten, die unter den Kaisern Kang-hi (1662-1722) und Kien-lung (1739-96) ihre Höhepunkte erlebte. Aber nur vorübergehend gelang den Mandschus das Experiment, ein Riesenreich durch eine kleine Herrenschicht zu führen. Straffe militärische Organisation, Beamtenhierarchie und konfuzianisches Dogma sollten die Säulen dieser Herrschaft sein und ihre Dauer garantieren. Unter der Decke des Gewaltregimes aber lebte der Volkswiderstand in politischen Geheimgesellschaften weiter, doch erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts konnten sie im Zusammenspiel mit den europäischen Eindringlingen, zu denen sich gegen Ende des Jahrhunderts auch die neue fernöstliche Macht Japan gesellte den Zusammenbruch der Reichsmacht herbeiführen. Diese Entwicklung wurde durch den Opiumkrieg von 1840 bis 1842 eingeleitet, durch den England und Frankreich die chinesische Regierung zwangen, ihre Gegenmaßnahmen gegen die verheerenden Auswirkungen des europäischen Opiumhandels wieder aufzugeben und im Vertrag von Nanking (1842) Hongkong abzutreten und fast alle wichtigen Häfen dem Europahandel zu öffnen.

    Der Verfall des Reiches wurde durch die imperialistischen Bestrebungen der europäischen Großmächte, der USA und Japans beschleunigt. Das gewaltsame Eindringen imperialistischer Interessen führte zu einer extremen Steigerung des Fremdenhasses, wurde zur stärksten Antriebskraft des chinesischen Nationalismus. 1856-60 führte China Krieg gegen Großbritannien und Frankreich, 1894-95 gegen Japan. Ein von dem fremdenfeindlichen chinesischen Geheimbund der so genannten Boxer ausgelöster Aufstand veranlasste 1900 das Eingreifen Englands, Frankreichs, Russlands, Deutschlands, der USA und sechs weiterer Staaten. Deutsche und japanische Expeditionskorps eroberten Peking. Im "Boxerprotokoll" von 1911 wurde eine Reihe von Sanktionen gegen China verhängt. Die hiermit eingeleitete weitere Schwächung der zentralen Gewalt begünstigte den inneren Widerstand gegen das Kaisertum; im Jahre 1911 kam es zur Revolution gegen die kaiserliche Regierung und zur Ausrufung der Republik. Provisorischer Präsident wurde SunYat-sen. Sein Ziel:"Freiheit und Gleichberechtigung für China".


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