Erkenntnistheorie

    Aus WISSEN-digital.de

    auch: Epistemologie;

    Wissenschaft von der Erkenntnis. Philosophische Disziplin, die sich mit den Bedingungen, Möglichkeiten, Quellen und Grenzen der menschlichen Erkenntnis sowie mit dem Verhältnis von Erkenntnissubjekt und -objekt beschäftigt.

    Der Begriff Erkenntnis ist vieldeutig. Man meint einmal damit die dem logisch denkenden Verstand zugängige Aufdeckung funktionaler Zusammenhänge. In diesem Sinn gebraucht vor allem das naturwissenschaftliche Denken das Wort Erkennen, z.B. bei der Klärung der Fallgesetze. Wir sagen hier nicht aus, welchen Sinn der freie Fall hat, sondern wie das freie Fallen, als allgemeines Gesetz ausgedrückt, "funktioniert". Das Erkennen immaterieller Zusammenhänge ist dagegen immer sinnbezogen. Den Sinn eines geistigen oder seelischen Vorganges begreifen wir aber nur durch erlebenden Nachvollzug, bei dem rationales Denken und irrationale Einfühlung zugleich beteiligt sind. Wir sprechen in diesem (in allen Geisteswissenschaften gegebenen) Fall besser vom Verständnis statt von "Erkenntnis". So unterscheidet - freilich von einem überholten psychologischen Standpunkt aus - Wilhelm Dilthey (1833-1911): "Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir." ("Einleitung in die Geisteswissenschaften", 18831 Die Philosophie hat es mit beiden Erkenntnisarten zu tun, doch meint man mit "Erkenntnistheorie" meist nur die Summe der Probleme, die beim rationalen Erkenntnisakt auftauchen.

    Da zu jeder Erkenntnis ein erkennendes Subjekt und ein zu erkennendes Objekt gehören, wird die Frage, welchen Anteil das Subjekt und welchen das Objekt am Zustandekommen der Erkenntnis hat, zum wichtigsten Problem der Erkenntnistheorie.

    Wir haben dabei auszugehen von der fundamentalen Tatsache der Individuation der Welt (principium individuationis): Das Ganze der Welt erscheint niemals ungeteilt, sondern stets als Sonderung in Einzelwesen (individua). Die durch diese Individuation gegebene Subjekt-Objekt-Spaltung macht die Erkenntnis des "außer mir" zum schwierigen Problem. Das erkennende Subjekt kann sich mit dem zu erkennenden Objekt nie ganz identifizieren (gleichsetzen). "In aller Erkenntnis stehen einander Erkennendes und Erkanntes gegenüber. Das Gegenüber beider Glieder ist unaufhebbar und trägt den Charakter gegenseitiger Urgeschiedenheit" (Nicolai Hartmann).

    Diese Subjekt-Objekt-Spaltung stellt die moderne Physik noch vor ein anderes Problem: Bei der Beobachtung des physikalischen Verhaltens kleinster Teilchen ist der Einfluss des beobachtenden Subjekts auf das Objekt nicht auszuschalten. Das beobachtete Teilchen verhält sich anders als das nichtbeobachtete. Abgesehen von diesem "Eingriff" des Subjekts auf das Objekt, kann das Subjekt Mensch Feststellungen über das Objekt nur in den Kategorien (Stammbegriffen und Aussageformen) des Subjekts wiedergeben, wie die folgende Betrachtung zeigt.

    Die "Außenwelt" wird uns durch unsere Sinne vermittelt, doch schon einfachste Überlegungen sagen uns, dass "der Sinnenschein trügt". Korrekturen erfolgen durch die Erfahrung. Was ist diese Erfahrung, die meinen unmittelbaren Sinneseindruck korrigiert? Auch sie baut sich auf wiederholten und miteinander verglichenen Sinneseindrücken auf: Erfahrung ist ein vergleichendes Ordnen verschiedener und zu verschiedener Zeit gemachter Sinneseindrücke. Aber in dem "vergleichenden Ordnen" liegt bereits etwas, das nicht mehr den Sinnen, sondern dem denkenden Verstand angehört. Ohne seine Abstraktionsfähigkeit könnte ich aus Sinneseindrücken überhaupt keine Schlüsse ziehen. Die Frage erhebt sich, ob das, was mein Verstand zur Erkenntnis hinzutut, a priori (vor aller Erfahrung gegeben) oder nur a posteriori (aus der Erfahrung abzuleiten) ist.

    Geschichte

    Über weite Strecken der abendländischen Philosophiegeschichte wurden erkenntnistheoretische Fragen ontologischen Fragen untergeordnet, z.B. in der Ideenlehre Platons. Eine systematische Erörterung erkenntnistheoretischer Probleme, bei der weniger die Frage nach Inhalten der Erkenntnis als nach ihrer Methode und Struktur im Vordergrund stand, fand erstmals in Descartes' Philosophie statt. Descartes vertrat einen rationalistischen Standpunkt, nach dem nicht die Wahrnehmung Grundlage der Erkenntnis sein könne, sondern allein die Vernunft Quelle der Erkenntnis sei. Demgegenüber behaupteten Empiristen wie Locke das Gegenteil: Sinneswahrnehmung und Erfahrung seien die einzige Möglichkeit, über die Außenwelt Wissen zu erlangen. Den Streit zwischen Empiristen und Rationalisten, der bis ins 19. Jh. hinein ausgetragen wurde, versuchte Kant mit seiner Philosophie des Kritizismus aufzuheben, indem er beide Positionen verband. Nach Kant richtet sich die Erkenntnis nicht nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände richten sich nach der menschlichen Erkenntnis. Erkenntnis könne nicht nur durch Sinneswahrnehmung allein zustande kommen; sie werde erst in Verbindung mit den Begriffen des Verstandes, den Kategorien, möglich: "Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauungen leer." Mit Kant begann die Erkenntnistheorie zu einer selbstständigen philosophischen Disziplin mit eigenständigen Methoden zu werden. Gegenwärtig sind erkenntnistheoretische Fragestellungen auch im Rahmen der Wissenschaftstheorie von Bedeutung.

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