Völkerkunde

    Aus WISSEN-digital.de

    auch: Ethnologie (griechisch: ethnos, "Volk");

    Erforschung und Kenntnis der Kultur von Völkern, insbesondere von Halbkultur- und Naturvölkern. Seit der Mitte des 19. Jh.s wird der Begriff "Völkerkunde" gleichbedeutend mit "Ethnologie" verwendet. Im englischsprachigen Raum spricht man von "social anthropology".

    Im Mittelpunkt der ethnologischen Forschung stand lange Zeit die Erforschung außereuropäischer Völker. Im 19. Jh. wurden nach damaliger Einteilung "primitive Völker", "Naturvölker" und "schriftlose Völker" erforscht. Von besonderer Bedeutung war für die Völkerkunde die Feldforschung, die auch heute noch eine wichtige Rolle spielt. Durch die Etablierung der Volkskunde als wissenschaftliche Disziplin wurden später auch europäische Völker Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Heute hat die Völkerkunde ihr Forschungsgebiet auf städtische Kulturformen und moderne Industriegesellschaften ausgedehnt.

    Völkerkunde und Soziologie

    Die Völkerkunde ist von der Soziologie abzugrenzen. Ihr geht es vor allem darum, das kulturelle Selbstverständnis eines Volkes und seine Grundlagen zu beschreiben, wie es sich in rituellen und symbolischen Handlungen und den Sitten und Bräuchen ausdrückt. Die Soziologie dagegen untersucht vor allem die Mechanismen und Funktionen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Völkerkunde und Soziologie können aber von den Ergebnissen der jeweiligen Schwesterdisziplin profitieren.

    Geschichte

    Antike

    Bereits die alten Griechen verfassten ethnografische Studien über benachbarte Völker. Die wichtigsten völkerkundlichen Texte liegen von Herodot von Halikarnassos und Hekataios von Milet vor. Aus der Sicht der griechischen Hochkultur erschienen alle anderen Völker als Barbaren. So bildete sich die bis heute in der Ethnologie nachwirkende Unterscheidung zwischen zivilisierten und unzivilisierten Völkern aus.

    In der Blütezeit des Römischen Reiches verfasste Tacitus seine berühmte Studie über die Germanen: die "Germania". Tacitus' Absicht, mit der "Germania" den Römern ein kritisches Gegenbild vorzuhalten, belegt, dass die frühen ethnographischen Studien immer auch einen selbstreflexiven Rückschluss auf die eigene Kultur enthielten (auch die griechischen Ethnographien bestätigten ja das Selbstverständnis als "zivilisierte" Kultur).

    Mittelalter

    Im Mittelalter finden sich völkerkundliche Betrachtungen vor allem in Reiseberichten. Hier wären etwa die Werke der arabischen Reisenden Ibn Battuta und Ibn Chaldun zu nennen, oder die Reiseberichte des Venezianers Marco Polo. Eine wissenschaftliche Ethnologie hatte sich aber immer noch nicht herausgebildet.

    Neuzeit

    Im Zeitalter der Entdeckungen und Kolonisation wurden die Kulturen der neuentdeckten Indianervölker kaum beachtet. Die Indianer galten als primitiv und wurden gewaltsam versklavt und christianisiert. Nur wenige traten für die Rechte der Indianer ein. Eine Ausnahme bilden die Bemühungen des Dominikanermönchs Bartolomé de Las Casas. Aber auch bei Las Casas resultierte das Eintreten für die Indianer nicht aus der Erkenntnis des Wertes ihrer eigenständigen Kultur, sondern aus christlichem Mitleid.

    Erst in der Folge der Aufklärung begann ein verstärkt wissenschaftliches Interesse an den außereuropäischen Kulturen. Die Begriffe Völkerkunde und Ethnologie entstanden im ausgehenden 18. Jh. - parallel zur Entwicklung des Volksbegriffs in dieser Zeit. Herder definierte das Volk über die gemeinsame Sprache und Literatur.

    19. und 20. Jahrhundert

    Im 19. Jh. etablierte sich die Völkerkunde in Deutschland als wissenschaftliche Disziplin. Als ihr Begründer darf der Bremer Arzt Adolf Bastian gelten. Die Völkerkunde des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jh.s wurde bestimmt durch zwei dominierende Richtungen: den Diffusionismus und den Funktionalismus.

    Die deutsche Völkerkunde ließ sich im Dritten Reich von den Nationalsozialisten vereinnahmen und leistete die theoretische Legitimation für die faschistische Rassenideologie.

    Claude Lévi-Strauss begründete eine der einflussreichsten völkerkundlichen Richtungen des 20. Jh.s, die strukturalistische Ethnologie. Diese Richtung gewann vor allem in Frankreich seit den 60er Jahren zunehmend an Bedeutung.



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