Ostkolonisation

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    die Expansion des deutschen Machtbereiches, Kultureinflusses und Siedlungsraumes im Mittelalter. Sie erstreckte sich im Südosten bis zur Leitha, im Osten von der Saale/Elbe bis zur Weichsel und im Nordosten an die Küsten der Ostsee bis zum Finnischen Meerbusen.

    Geschichte

    Mit der Gründung des Fränkischen Reiches gab es Ansätze zu einer Gegenbewegung zur bisherigen Westwanderung der Germanen und zum vereinzelten Vordringen slawischer Völker nach Westen, die sich seit dem 6. Jh. in den von den Germanen während der Völkerwanderung großenteils verlassenen Räumen in sporadischen Siedlungen festsetzten. Um 631 kam es zum ersten Zusammenstoß zwischen dem Merowinger Dagobert I. und Samo, dem Gründer eines großslawischen Reiches. Die bayerische Ostkolonisation begann unter Tassilo II. (748-788) und erstreckte sich bis Kärnten. Nach Vernichtung des Awarenreiches 795-796 durch Pippin von Italien, dem Sohn Karls des Großen, waren die Grenzen des Fränkischen Reiches im Südosten bis zum Donauknie vorgeschoben. Niederösterreich war von Bayern aus besiedelt und die Slawen hier und in Kärnten nach Osten zurückgedrängt. Die Missionierung des Gebiets zwischen Raab und Donau wurde von Salzburg, Aquileja und Passau aus eingeleitet (Klöster Altaich, Kremsmünster und Innichen im Pustertal). Militärische und politische Sicherung durch die Marken unter Markgrafen: An die Mark Friaul, die awarische Mark und die bayerische Ostmark (jenseits der Enns, 796) schloss sich nördlich die böhmische, sorbische und dänische Mark an. Wechselvolle Grenzkämpfe gab es besonders zwischen Ludwig dem Deutschen und dem Großmährischen Reich unter Rastislaw und Swatopluk (Vordringen der Slawen bis zum Thüringer Wald, bis Bamberg, Forchheim, Regensburg). Nach Auflösung des Mährischen Reiches 895 schloss sich Böhmen an das Ostfränkische Reich Arnulfs von Kärnten (887-899) an. 895 wurde Luitpold von Bayern Markgraf der Ostmark, er fiel 907 in der Schlacht bei der Ennsburg (erster Ungarneinfall; Verlust der Ostmark). 929 Huldigung des Przemysliden Wenzel vor Heinrich I. (zu Prag). 950 Unterwerfung Boleslaws, des Bruders und Nachfolgers Wenzels, durch Otto den Großen. Böhmen wurde Bestandteil des Deutschen Reiches. Um 973 Gründung des Erzbistums Prag.

    Im Südosten nach den Niederlagen der Ungarn (933 Riade, 955 Augsburg), nach ihrer Sesshaftmachung und Christianisierung (975 Anschluss an die deutsche Kirche, 1001 Gründung des Erzbistums Gran) und der Wiederherstellung der Ostmark (Österreich) fortschreitende Kolonisation bis zur Raab. Im 12./13. Jh. bestanden geschlossene deutsche Siedlungsgebiete auch im Innern des Ungarischen Reiches (Siebenbürgen, Zips).

    Im Norden gab es seit dem 10. Jh. kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Sachsen und Sorben (Wenden), Abodriten, Wagriern an der Elbe. Heinrich I. 928 eroberte Brennabor (Ansatz zur späteren Mark Brandenburg), gründete Meißen und führte die Tributpflicht der Elbslawen ein.

    Mit Otto I. begann die Ostkolonisation im Auftrag des Reiches. Seit 936 stand Hermann Billung als Markgraf der unteren Elbe im Kampf gegen Wagner (im östlichen Holstein), Abodriten und Redarier (Mecklenburg). Südlich anschließend an der mittleren Elbe seit 937 Markgraf Gero gegen Wilzen, Heveller und Sorben. Gründung der Bistümer Havelberg (946), Brandenburg (949), Posen (966) und Magdeburg (968). Die Oder wurde Ostgrenze des Reiches. Nach schweren Kämpfen Geros mit Mieszko (seit 960 Herrscher eines polnischen Reiches) wurde das Land zwischen Oder und Warthe tributpflichtig. Nach Geros Tod (965) wurde seine Mark in erst sechs, schließlich drei Teile aufgeteilt: die Nordmark (später Brandenburg), die eigentliche Ostmark (mit der Lausitz) und die Mark Meißen. Die Ostkolonisation erfuhr einen schweren Rückschlag durch den großen Slawenaufstand 983 (Überfall der Liutizen auf die Bistümer Havelberg und Brandenburg). Der Einfluss der deutschen Kirche (Magdeburg) sank durch die zunehmend selbstständiger werdende polnische Kirche (Gründung des Erzbistums Gnesen 1000 durch Otto III.). Verständigung Heinrichs II. mit Boleslaw I. von Polen im Frieden von Bautzen 1018. Der Anspruch Polens auf die Lausitz als Reichslehen wurde anerkannt, doch wurde die Verbindung Polen-Böhmen verhindert. Erfolglose Expansionsversuche Mieszkos II. von Polen bis zur Saale 1031 (Herausgabe der Lausitz). Zur Wahrung der Selbstständigkeit Polens übernahm Heinrich III. die Schutzherrschaft über Kasimir gegen die Übergriffe Bretislaws von Böhmen, der 1041 seinem Plan eines christlich-großslawischen Reiches entsagen und sein Vasallenverhältnis anerkennen musste. Die Lehenshoheit des Reiches 1157 über Polen wurde nach dem gescheiterten Plan eines slawischen Großreiches unter Führung Boleslaws III., der sich gleichfalls unterwerfen musste, bekräftigt. Damit war von Reichs wegen die machtpolitische Voraussetzung für die Entfaltung der deutschen Ostkolonisation im Oder-Weichsel-Raum gegeben (Höhepunkt wie in Ungarn und Böhmen ebenfalls im 12./13. Jh.). Träger des Kolonisationswerkes in diesem Abschnitt waren jedoch nicht Kaiser und Reich unmittelbar, sondern deutsche und slawische Fürsten, deutsche Ritter- und Mönchsorden und die Hanse. Entsprechend verschiedenartig war die Motivierung: Streben nach Ausbau ihrer Hausmacht durch die Fürsten, planvolle Innenkolonisation durch die als tüchtig geschätzten Bauern, Kreuzfahrer- und Missionierungsgeist der Orden, Handelsinteressen der Hanse. Die Ostkolonisation wurde ein Gemeinschaftswerk aller deutschen Stämme. Siedler waren vor allem nachgeborene Bauernsöhne. Anreiz zur Kolonisation bot ihnen neben der Aussicht auf eigenen Boden die günstige personal- und güterrechtliche Stellung des Bauern auf Kolonialboden.

    Geschichtlich bedeutsam wurden im Rahmen der Ostkolonisation folgende Ereignisse:

    a) Einsetzung der Wettiner in der Mark Meißen (1123), der Askanier in der Nordmark (1134), der Schauenburger in der Grafschaft Holstein (1110). Neben ihnen betrieb auch der Welfe Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen, die Expansion nach dem Osten.

    b) Loslösung und Verselbstständigung der westlichen Teilfürstentümer Polens, besonders in Pommern und Schlesien, die dadurch dem deutschen Einfluss weit geöffnet wurden und den Siedlungsboden über Brandenburg-Mecklenburg hinaus nach Osten erweiterten.

    c) Berufung des Deutschen Ordens unter Hermann von Salza durch Herzog Konrad von Masowien zum Kampf gegen die heidnischen Preußen 1226, Gründung des Ordensstaates seit 1230. Bekehrung und Kolonisation Livlands schon 1184 von Albrecht von Appeldern eingeleitet (Gründung des 1237 mit dem Deutschen Orden vereinigten Schwertbrüderordens).

    d) Teilnahme des Zisterzienserordens am Kolonisationswerk, besonders in Brandenburg.

    e) Städtegründungen nach deutschem (v.a. Magdeburger) Stadtrecht. Im 14. Jh. allmähliches Auslaufen der großen Ostkolonisation (1351 "Schwarzer Tod" in Deutschland), machtpolitische Verschiebung im Weichselraum zu Gunsten der neuen polnisch-litauischen Großmacht unter den Jagellonen seit 1396, Niedergang der Macht des Deutschen Ordens und der Hanse. Nach dem 2. Thorner Frieden 1466 Umwandlung des Rest-Ordensstaates in ein protestantisches weltliches Herzogtum 1525 und Anschluss Livlands an Polen. 1561 Ausbildung der staatlichen Verhältnisse der Neuzeit im Osten (Polen, Brandenburg-Preußen, Pommern u.a.).

    Ergebnis der Ostkolonisation

    Vergrößerung des Reichsgebietes um nahezu zwei Drittel, Verlagerung des politischen Schwerpunkts in den Osten (Führungsmacht Preußen) als Grundlage für die Machtentfaltung Deutschlands in der Neuzeit, Erweiterung der Ernährungsbasis und des Lebensraumes, gleichzeitig Entwicklung der ostelbischen Gutsherrschaft.

    Die so genannte "Ostkolonisation" im Rahmen der Bevölkerungspolitik des Merkantilismus im 17./18. Jh. (Ansiedlung von vertriebenen Salzburgern in Ostpreußen, von "Schwaben" im Banat usw.) trug zur Festigung der gegebenen Machtverhältnisse bei.

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