Franko-flämische Musik

    Aus WISSEN-digital.de

    Unter den Herrschern Philipp der Gute (1419-1467) und Karl der Kühne (1467-1477) entwickelte sich das Herzogtum Burgund zum Zentrum der europäischen Kultur. In diesem kunstsinnigen Klima wirkten mehrere Generationen von Komponisten an den großen Kathedralen und Hofkapellen des Burgund, Nordfrankreichs und der flämischen Lande sowie der Niederlande, einer Region, die ebenfalls begriffsbildend für die Komponistenschule der Niederländer wurde. Es bildete sich eine Blüte der mehrstimmigen geistlichen und Vokalpolyphonie sowie des weltlichen Chansons durch die Zusammenführung der Traditionen des italienischen Trecento, der Musik Frankreichs sowie der englischen Musik mit J. Dunstable als wichtigstem Vertreter. Der (meist) dreistimmige Kantilenensatz wurde weiterentwickelt, es festigte sich der vierstimmige Satz als Standard. Das Verarbeiten eines Cantus-firmus sowie die Imitation wurden zu wichtigen Gestaltungsmerkmalen. Der Einfluss der Instrumentalmusik nahm ab. Der musikalische Rhythmus orientierte sich zunehmend an der Sprache und den Wortbetonungen. Wichtigste Quelle für diese Epoche sind die Trienter Codices, eine mehrbändige handschriftliche Sammlung geistlicher und weltlicher Kompositionen.

    Die ungefähr 200-jährige Geschichte der europäischen Vorherrschaft franko-flämischer Musik gliedert sich ungefähr nach den Wirkungszeiträumen ihrer wichtigsten Komponistenpersönlichkeiten.

    1. Erste Hälfte des 15. Jahrhunderts. G. Dufay und G. Binchois. Antoine Busnois. Gattungen: Französische/ burgundische Chanson, Motette (Mehrtextigkeit und Isorhythmie verschwindet), Messe (Diskantmesse: Cantus firmus in der Oberstimme figuriert, Tenormesse: Cantus firmus im Tenor unfiguriert, auch Kombination der beiden Techniken möglich, teilweise weltliche Canti firmi: "L’homme armé", "Se la face ay pale" usw. Die vierstimmige Tenormesse wird zum wegweisenden Modell. Zunächst nur Einzelsätze, dann Satzpaare, z.B. Kyrie-Gloria, daraufhin vollständige Messordinarien.)#Ca. 1450-1495. Den Schwerpunkt der zweiten Phase bildete fast ausschließlich die Messe. Wichtigster Vertreter: J. Ockeghem. Die Imitation von melodischen oder wortgezeugten, rhythmischen Motiven förderte die Gleichberechtigung der Einzelstimmen, wichtige Voraussetzung für die aufkommende A-cappella-Polyphonie.
    1. Ca. 1480-1520. Verstärkte Auseinandersetzung mit der Musik der italienischen Komponisten. Vertreter: J. Desprez, J. Obrecht, P. de la Rue, A. Brumel. In Deutschland: H. Isaak, P. Hofhaimer, T. Stoltzer, L. Senfl. Weiterentwicklungen: Klare Gliederung des musikalischen Aufbaus, Herausbildung von musikalischen Affekten.
    2. Ca. 1520-1562. Entwicklung zur vollen Gleichberechtigung und Ausgeglichenheit der Stimmen eines Satzes abgeschlossen. Häufige Erweiterung zu Fünf- und Sechsstimmigkeit. Parodiemesse. Herausbildung der italienischen und französischen Liedformen: Madrigal, Villanella, Chanson.

    Vertreter: N. Gombert, J. Clemens non Papa sowie A. Willaert, der zugleich die venezianische Schule begründete. Mit der venezianischen Schule traten die italienischen Komponisten in der Musik Europas deutlich in den Vordergrund und prägten bis ins 18. Jh. hinein die abendländische Musikentwicklung nachhaltig.

    1. Zweite Hälfte des 16. Jh.s. Auch wenn die Musikzentren längst in Italien zu suchen waren (Venedig usw.), wirkten dort doch mehrheitlich Musiker von nordfranzösisch-flämischer Herkunft. Wichtige Vertreter: P. de Monte, O. di Lasso.

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