Zähne und Herz: Warum Zahngesundheit das Herz beeinflussen kann

    Aus WISSEN-digital.de

    Zähne und Herz stehen enger miteinander in Verbindung, als viele Menschen vermuten. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen seit Jahren einen Zusammenhang zwischen Erkrankungen des Zahnfleisches, insbesondere der Parodontitis, und verschiedenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dabei geht es nicht nur um die Zähne selbst: Chronische Entzündungen im Mund können den gesamten Körper beeinflussen. Gleichzeitig können bestimmte bakterielle Infektionen aus dem Mund in seltenen Fällen sogar eine schwere Erkrankung der Herzklappen auslösen. Wichtig ist allerdings eine medizinisch saubere Unterscheidung: Parodontitis bedeutet nicht automatisch, dass ein Mensch einen Herzinfarkt bekommt. Die aktuelle Forschung zeigt einen Zusammenhang zwischen Zahnfleischerkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein eindeutiger direkter Ursache-Wirkungs-Nachweis ist jedoch noch nicht erbracht. Die American Heart Association hat dies in einer 2025 aktualisierten wissenschaftlichen Stellungnahme ausdrücklich hervorgehoben.

    Parodontitis: Wenn eine Zahnfleischentzündung zum dauerhaften Problem wird

    Eine der wichtigsten Erkrankungen im Zusammenhang mit der Verbindung zwischen Zähnen und Herz ist die Parodontitis. Dabei handelt es sich nicht lediglich um eine oberflächliche Zahnfleischentzündung. Die Erkrankung betrifft den Zahnhalteapparat und kann im weiteren Verlauf das Bindegewebe und den Kieferknochen zerstören.

    Am Anfang steht häufig eine Zahnfleischentzündung. Bakterien sammeln sich im Zahnbelag, das Zahnfleisch wird gerötet und kann beim Zähneputzen bluten. Wird die Entzündung nicht behandelt, können sich Zahnfleischtaschen bilden. Die Bakterien gelangen zunehmend unter das Zahnfleisch und die Entzündung kann chronisch werden.

    Im fortgeschrittenen Stadium kann der Knochen, der die Zähne stabilisiert, abgebaut werden. Die Folge können Zahnfleischrückgang, lockere Zähne und letztlich Zahnverlust sein. Gleichzeitig entsteht durch die chronische Entzündung eine zusätzliche Belastung für den gesamten Organismus.

    Wie können Bakterien aus dem Mund das Herz erreichen?

    Das Zahnfleisch ist bei einer fortgeschrittenen Parodontitis teilweise stark entzündet und verletzt. Beim Kauen, Zähneputzen oder bei bestimmten zahnmedizinischen Eingriffen können Bakterien oder bakterielle Bestandteile vorübergehend in die Blutbahn gelangen.

    Die Forschung beschäftigt sich dabei unter anderem mit Bakterien wie Porphyromonas gingivalis und Aggregatibacter actinomycetemcomitans. Ihre Bestandteile und bestimmte Virulenzfaktoren können Entzündungsreaktionen und Veränderungen an der Gefäßinnenwand auslösen. Zusätzlich können chronische Entzündungsprozesse im Körper unter anderem mit erhöhten Entzündungsmarkern wie CRP, IL-6 und TNF-α verbunden sein.

    Damit lässt sich vereinfacht folgende Verbindung beschreiben:

    Erkranktes Zahnfleisch → bakterielle Belastung und Entzündung → Immunreaktion → systemische Entzündungsprozesse → mögliche Auswirkungen auf Blutgefäße und Herz-Kreislauf-System.

    Dieser Mechanismus ist wissenschaftlich plausibel und wird intensiv erforscht. Trotzdem bedeutet er nicht, dass jede Zahnfleischentzündung zwangsläufig eine Herz-Kreislauf-Erkrankung verursacht.

    Parodontitis und Arteriosklerose

    Besonders untersucht wird die Verbindung zwischen Parodontitis und Arteriosklerose. Bei der Arteriosklerose lagern sich unter anderem Fette und entzündliche Bestandteile in den Gefäßwänden ab. Dadurch können die Blutgefäße zunehmend verengt oder instabil werden.

    Die American Heart Association beschreibt mehrere mögliche Mechanismen, über die eine chronische parodontale Entzündung mit Gefäßentzündungen und einer Beeinträchtigung der Gefäßfunktion verbunden sein könnte. Dazu gehören bakterielle Bestandteile im Blut, chronische systemische Entzündungen und immunologische Prozesse.

    Auch eine große Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 fand in der ausgewerteten Literatur einen Zusammenhang zwischen Parodontalerkrankungen, Zahnverlust und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Gleichzeitig weisen die Autoren auf methodische Einschränkungen der vorhandenen Studien hin.

    Welche Herz-Kreislauf-Erkrankungen können mit Parodontitis zusammenhängen?

    Die wissenschaftliche Forschung untersucht unter anderem Zusammenhänge zwischen Parodontitis und:

    • koronarer Herzkrankheit
    • Herzinfarkt
    • Schlaganfall
    • Bluthochdruck
    • Vorhofflimmern
    • Herzinsuffizienz
    • anderen Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen.

    Die American Heart Association nennt insbesondere Zusammenhänge mit Herzinfarkt, Schlaganfall, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz und weiteren kardiometabolischen Erkrankungen.

    Eine Meta-Analyse zur Herzinsuffizienz kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass zwischen Parodontitis und Herzinsuffizienz ein Zusammenhang bestehen kann.

    Entscheidend ist jedoch: Diese statistischen Zusammenhänge beweisen nicht automatisch, dass die Parodontitis die jeweilige Herzerkrankung verursacht.

    Denn viele Risikofaktoren überschneiden sich. Dazu gehören beispielsweise Rauchen, höheres Alter, Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und andere Stoffwechselerkrankungen.

    Der besonders wichtige Zusammenhang: Zahninfektion und Endokarditis

    Neben dem langfristig untersuchten Zusammenhang zwischen Parodontitis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gibt es einen zweiten, wesentlich direkteren Zusammenhang: die infektiöse Endokarditis.

    Bei einer Endokarditis infizieren sich die Herzinnenhaut oder Herzklappen. Bakterien können über die Blutbahn in das Herz gelangen und sich insbesondere an vorgeschädigten oder künstlichen Herzklappen festsetzen.

    Die Erkrankung ist selten, kann aber schwerwiegend und sogar lebensbedrohlich sein. Mögliche Folgen sind eine Schädigung der Herzklappen, Herzschwäche, Embolien, Schlaganfälle oder weitere schwere Komplikationen.

    Besonders gefährdet sind Menschen mit bestimmten Herzklappenerkrankungen, künstlichen Herzklappen, bestimmten angeborenen Herzfehlern oder einer bereits durchgemachten infektiösen Endokarditis. Für bestimmte Hochrisikopatienten kann deshalb vor ausgewählten zahnmedizinischen Eingriffen eine Antibiotika-Prophylaxe empfohlen werden. Die europäische Kardiologie berücksichtigt diese Risikogruppen in ihren Leitlinien.

    Antibiotika vor einem Zahnarztbesuch sind jedoch nicht grundsätzlich für jeden Menschen erforderlich. Ob eine Prophylaxe notwendig ist, muss individuell durch den behandelnden Arzt beziehungsweise Kardiologen und Zahnarzt beurteilt werden.

    Zahnfleisch und Diabetes: Ein weiterer wichtiger Kreislauf

    Die Verbindung zwischen Mundgesundheit und Herz ist außerdem deshalb interessant, weil Parodontitis und Diabetes miteinander verbunden sind. Diabetes kann die Entstehung und den Verlauf von Zahnfleischerkrankungen begünstigen. Gleichzeitig können chronische Entzündungen im Zusammenhang mit Parodontitis die Stoffwechselkontrolle erschweren.

    Diabetes wiederum gehört zu den wichtigen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

    Damit entsteht ein komplexes Zusammenspiel:

    Parodontitis ↔ chronische Entzündung ↔ Stoffwechselbelastung ↔ Diabetes ↔ erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko.

    Die Mundgesundheit sollte deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Sie ist Teil der allgemeinen Gesundheitsvorsorge.

    Welche Warnzeichen sollten ernst genommen werden?

    Zahnfleischbluten sollte nicht einfach als normal angesehen werden. Mögliche Warnzeichen einer Parodontitis sind:

    • regelmäßig blutendes Zahnfleisch
    • gerötetes oder geschwollenes Zahnfleisch
    • anhaltender Mundgeruch
    • Zahnfleischrückgang
    • empfindliche Zahnhälse
    • Eiter am Zahnfleisch
    • lockere Zähne
    • Veränderungen der Zahnstellung
    • zunehmende Zahnzwischenräume.

    Problematisch ist, dass eine Parodontitis über längere Zeit relativ wenig Schmerzen verursachen kann. Deshalb kann die Erkrankung bereits fortgeschritten sein, obwohl Betroffene kaum Beschwerden wahrnehmen.

    Was kann man für Zähne und Herz tun?

    Eine gute Mundhygiene ist eine wichtige Grundlage. Dazu gehören regelmäßiges Zähneputzen, die Reinigung der Zahnzwischenräume und regelmäßige zahnärztliche Kontrollen. Besteht der Verdacht auf Parodontitis, sollte die Erkrankung gezielt untersucht und behandelt werden.

    Auch allgemeine Herz-Kreislauf-Risikofaktoren sollten berücksichtigt werden. Dazu gehören insbesondere Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, erhöhte Blutfettwerte, Übergewicht und Bewegungsmangel.

    Die Behandlung einer Parodontitis kann die lokale Entzündung reduzieren. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass eine erfolgreiche Parodontalbehandlung bestimmte systemische Entzündungs- und Gefäßparameter verbessern kann. Ob dadurch langfristig tatsächlich weniger Herzinfarkte oder Schlaganfälle auftreten, ist wissenschaftlich jedoch noch nicht abschließend geklärt. Genau hier besteht weiterhin Forschungsbedarf.

    Fazit: Gesunde Zähne sind Teil der Gesundheitsvorsorge

    Zähne und Herz sind keine voneinander unabhängigen Bereiche des Körpers. Vor allem die Parodontitis steht in einem wissenschaftlich gut untersuchten Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mögliche Erklärungen reichen von Bakterien und deren Bestandteilen im Blut über chronische Entzündungsprozesse bis hin zu Veränderungen der Gefäßfunktion.

    Gleichzeitig sollte man medizinisch nicht übertreiben: Eine Parodontitis ist kein automatisch eintretender Auslöser für einen Herzinfarkt. Die Forschung zeigt einen Zusammenhang, während die genaue Ursache-Wirkungs-Beziehung weiterhin untersucht wird.

    Deutlich unmittelbarer ist die Verbindung bei der infektiösen Endokarditis. Für bestimmte Menschen mit hohem Risiko können Bakterien aus der Mundhöhle eine besondere Gefahr darstellen.

    Die wichtigste Botschaft lautet deshalb: Zahngesundheit ist Gesundheitsvorsorge. Regelmäßige Zahnarztkontrollen, eine konsequente Mundhygiene und die frühzeitige Behandlung von Zahnfleischentzündungen können dazu beitragen, die Mundgesundheit langfristig zu erhalten. Bei bestehenden Herzkrankheiten sollte der Zahnarzt außerdem über die genaue Herzdiagnose und gegebenenfalls vorhandene künstliche Herzklappen oder andere Risikofaktoren informiert werden.

    Wer Zahnfleischbluten, lockere Zähne, wiederkehrende Zahninfektionen oder gleichzeitig ungeklärte Herzbeschwerden hat, sollte die Symptome ärztlich beziehungsweise zahnmedizinisch abklären lassen. Bei akuten Beschwerden wie starken Brustschmerzen, schwerer Atemnot, Ohnmacht oder einem ausgeprägten Krankheitsgefühl ist hingegen eine sofortige medizinische Abklärung erforderlich.

    Die Verbindung zwischen Mundgesundheit und Herzgesundheit ist damit mehr als ein medizinischer Nebenaspekt: Sie zeigt, warum ganzheitliche Prävention bei Zähnen, Zahnfleisch und Herz gleichermaßen ansetzen sollte.