Spaltet dieser Podcast die Gesellschaft? Wie „ungeskriptet by Ben“ durch das Höcke-Interview zum Medienphänomen wurde

    Aus WISSEN-digital.de

    Quelle / Copyright: Youtube /{ungeskriptet} by Ben

    Kaum ein deutscher Video-Podcast hat in den vergangenen Jahren für so viele Diskussionen gesorgt wie „ungeskriptet by Ben“. Was 2022 als kleines Gesprächsformat begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Podcasts auf YouTube. Spätestens mit dem mehr als viereinhalbstündigen Interview mit AfD-Politiker Björn Höcke wurde der Podcast bundesweit bekannt und löste eine Debatte über Meinungsfreiheit, journalistische Verantwortung und die Rolle großer Online-Plattformen aus. Für die einen ist „ungeskriptet“ ein Beispiel für offene Gesprächskultur, für die anderen ein Format, das kontroversen Positionen zu viel Raum gibt. Damit stellt sich die Frage: Spaltet dieser Podcast die Gesellschaft – oder bildet er lediglich bestehende gesellschaftliche Konflikte ab?

    Vom Nischenprojekt zum reichweitenstarken Podcast

    Der Podcast „ungeskriptet by Ben“ wurde im Mai 2022 von Benjamin Berndt gegründet. Nach eigenen Angaben entstand die Idee aus dem Wunsch, ausführliche und möglichst ungeschnittene Gespräche mit interessanten Persönlichkeiten zu führen. Die ersten Episoden wurden noch in einer privaten Umgebung produziert. Bereits in der Anfangsphase schaffte es der Podcast zeitweise in die Spotify-Charts und gewann kontinuierlich an Reichweite.

    Heute erscheint das Format mehrmals pro Woche und umfasst mehrere hundert Episoden. Nach Angaben des Betreibers zählt der YouTube-Kanal inzwischen über eine Million Abonnenten und verzeichnet insgesamt mehr als 26 Millionen Videoaufrufe. Produziert wird in einem eigenen Studio, wobei teilweise mehrere Gespräche an einem Tag aufgezeichnet werden.

    Das Konzept: Lange Gespräche ohne klassische Interviewführung

    Das Alleinstellungsmerkmal von „ungeskriptet“ sind ausführliche Gespräche, die häufig zwischen zwei und fünf Stunden dauern. Während viele Fernsehinterviews stark strukturiert sind und auf kurze Antworten setzen, verfolgt Benjamin Berndt einen anderen Ansatz. Seine Gäste sollen ihre Sichtweisen möglichst vollständig darstellen können. Das Format verzichtet weitgehend auf Unterbrechungen, Schnitte oder eine klassische konfrontative Interviewführung.

    Berndt beschreibt seinen Podcast als „roh, ungeschnitten und unzensiert“. Dieses Konzept erinnert viele Beobachter an den erfolgreichen US-Podcaster Joe Rogan, den Berndt selbst mehrfach als Vorbild genannt hat.

    Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

    Ein wichtiger Erfolgsfaktor des Podcasts ist die große Bandbreite der Gäste. Neben Persönlichkeiten aus Sport, Wirtschaft und Unterhaltung waren auch zahlreiche bekannte Politikerinnen und Politiker zu Gast. Dazu gehören unter anderem Sahra Wagenknecht, Ricarda Lang, Gregor Gysi, Joana Cotar, Kai Diekmann, Maximilian Krah und Frauke Petry. Ebenso wurden Unternehmer, Finanzexperten, ehemalige Mitglieder krimineller Milieus sowie Persönlichkeiten aus den Bereichen Psychologie, Wissenschaft und Social Media eingeladen.

    Diese Mischung unterschiedlicher Positionen sorgt regelmäßig für Aufmerksamkeit und erweitert die Zielgruppe des Podcasts deutlich über ein klassisches Politikpublikum hinaus.

    Das Höcke-Interview als Wendepunkt

    Den größten Bekanntheitsschub erhielt „ungeskriptet by Ben“ durch das am 29. April 2026 veröffentlichte Interview mit Björn Höcke. Das Gespräch dauerte rund vier Stunden und 36 Minuten und entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einem der meistgesehenen politischen Podcast-Interviews im deutschsprachigen Raum. Innerhalb weniger Tage erreichte die Folge Millionen Aufrufe auf YouTube und wurde zusätzlich hunderttausendfach über Podcast-Plattformen wie Spotify abgerufen.

    Mit diesem Interview rückte nicht nur der Gast, sondern auch der Gastgeber selbst in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Zahlreiche Medien berichteten über Benjamin Berndt und analysierten sein Gesprächsformat sowie dessen wachsenden Einfluss auf die politische Debatte.

    Lob und Kritik am Format

    Der Erfolg des Podcasts führte gleichzeitig zu einer intensiven gesellschaftlichen Diskussion. Befürworter loben insbesondere die Möglichkeit, Gästen über einen langen Zeitraum zuzuhören und sich ohne starke Eingriffe des Moderators ein eigenes Bild machen zu können. Sie sehen darin eine Alternative zu klassischen Talkshows und kurzen Fernsehinterviews.

    Kritiker bewerten das Konzept dagegen deutlich skeptischer. Sie argumentieren, dass kontroverse oder nachweislich falsche Aussagen während der Gespräche häufig nicht unmittelbar eingeordnet oder überprüft würden. Dadurch könnten Zuschauer problematische Behauptungen ungefiltert aufnehmen. Diese Kritik wurde insbesondere nach dem Höcke-Interview öffentlich intensiv diskutiert.

    Debatte über journalistische Verantwortung

    Im Zusammenhang mit dem Höcke-Interview geriet der Podcast auch in den Fokus der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Die Behörde vertrat die Auffassung, dass journalistische Sorgfaltspflichten möglicherweise nicht ausreichend beachtet worden seien, weil einzelne Tatsachenbehauptungen während des Gesprächs nicht eingeordnet wurden.

    Benjamin Berndt wies diese Einschätzung zurück. Er betonte öffentlich, dass sein Format kein klassisches Nachrichtenangebot sei, sondern ein Gesprächsformat, dessen Ziel nicht die journalistische Berichterstattung, sondern der offene Austausch unterschiedlicher Sichtweisen sei. Die Auseinandersetzung löste erneut eine Diskussion über die Verantwortung reichweitenstarker Podcasts aus.

    Wer ist Benjamin Berndt?

    Vor seiner Tätigkeit als Podcaster war Benjamin Berndt als Unternehmer aktiv. Nach eigenen Angaben beschäftigte er sich bereits früh mit dem Handel von Computertechnik, absolvierte ein duales Studium bei Lufthansa und gründete später mehrere Unternehmen. Öffentlich bekannt wurde unter anderem sein Engagement mit der Babytragen-Marke „Rookie“. Außerdem war Berndt im Kampfsport aktiv.

    Heute konzentriert er sich hauptsächlich auf den Ausbau seines Podcast-Projekts und investiert nach eigenen Aussagen kontinuierlich in Technik, Studio und Produktion.

    Spaltet der Podcast tatsächlich die Gesellschaft?

    Ob „ungeskriptet by Ben“ die Gesellschaft spaltet, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Fest steht jedoch, dass der Podcast bestehende gesellschaftliche Kontroversen sichtbar macht und Diskussionen über Meinungsfreiheit, Plattformverantwortung und journalistische Standards verstärkt hat. Während ein Teil des Publikums das Format als wichtigen Beitrag zu einer offenen Debattenkultur betrachtet, sehen andere darin die Gefahr, kontroversen Positionen eine zu große Bühne zu bieten.

    Unabhängig von dieser Bewertung gilt „ungeskriptet by Ben“ inzwischen als eines der auffälligsten Beispiele dafür, wie digitale Medien und lange Video-Podcasts die öffentliche Diskussion verändern können. Der außergewöhnliche Erfolg des Höcke-Interviews markierte dabei einen entscheidenden Wendepunkt. Seitdem gehört der Podcast zu den meistdiskutierten Formaten im deutschsprachigen Raum und steht sinnbildlich für die Chancen und Herausforderungen moderner Online-Medien.