Schlafwandeln verstehen – Ursachen, Symptome, Risiken und Behandlung
Aus WISSEN-digital.de
Schlafwandeln, medizinisch Somnambulismus genannt, ist eine anerkannte Schlafstörung und gehört zu den sogenannten Parasomnien. Betroffene können während des Schlafs aufstehen, herumlaufen, sprechen oder sogar komplexe Handlungen ausführen, ohne dabei vollständig wach zu sein. Am nächsten Morgen besteht häufig keine oder nur eine eingeschränkte Erinnerung an die Episode. Besonders häufig tritt Schlafwandeln bei Kindern auf, kann aber auch Erwachsene betreffen.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Was ist Schlafwandeln
- 2 Warum Menschen schlafwandeln
- 3 Schlafwandeln bei Kindern
- 4 Schlafwandeln bei Erwachsenen
- 5 Ist Schlafwandeln eine Krankheit
- 6 Ist Schlafwandeln gefährlich
- 7 Soll man einen Schlafwandler aufwecken
- 8 Schlafwandeln und Träume
- 9 Schlafwandeln und Nachtschreck
- 10 Schlafwandeln und Epilepsie
- 11 Wie wird Schlafwandeln diagnostiziert
- 12 Behandlung von Schlafwandeln
- 13 Was Betroffene selbst tun können
- 14 Wann Schlafwandeln ärztlich abgeklärt werden sollte
- 15 Fazit zum Schlafwandeln
Was ist Schlafwandeln
Schlafwandeln entsteht typischerweise während des tiefen NREM-Schlafs, insbesondere während der N3-Schlafphase. Dabei kommt es zu einem unvollständigen Erwachen: Teile des Gehirns sind bereits ausreichend aktiviert, damit Bewegungen und bestimmte Handlungen möglich sind, während andere Bereiche noch im Schlafzustand bleiben. In der Schlafmedizin wird Schlafwandeln deshalb als sogenannte Störung des Erwachens eingeordnet. Die American Academy of Sleep Medicine führt NREM-Parasomnien zu den zentralen Gruppen der Parasomnien.
In Deutschland ist Schlafwandeln unter dem medizinischen Begriff Somnambulismus im ICD-10 unter dem Code F51.3 aufgeführt. Damit ist Schlafwandeln medizinisch als Schlafstörung klassifiziert. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede einzelne Episode automatisch krankhaft oder behandlungsbedürftig ist. Gelegentliches Schlafwandeln kann insbesondere bei Kindern vorübergehend auftreten und mit zunehmendem Alter verschwinden.
Typische Symptome beim Schlafwandeln
Eine Schlafwandel-Episode tritt häufig in der ersten Nachthälfte auf, oft etwa ein bis zwei Stunden nach dem Einschlafen. Die Dauer kann von wenigen Minuten bis zu längeren Episoden reichen.
Typische Anzeichen von Schlafwandeln sind:
- Aufsetzen oder Aufstehen im Schlaf
- Herumlaufen in der Wohnung
- offene oder glasig wirkende Augen
- eingeschränkte Reaktion auf Ansprache
- undeutliches Sprechen oder kurze Gespräche
- einfache oder komplexere Handlungen
- Schwierigkeiten beim vollständigen Aufwecken
- vorübergehende Verwirrtheit nach dem Erwachen
- fehlende oder eingeschränkte Erinnerung am nächsten Morgen
Schlafwandler können beispielsweise Kleidung anziehen, essen, Türen öffnen oder andere alltägliche Handlungen durchführen. In seltenen Fällen können auch gefährliche Verhaltensweisen auftreten, etwa das Verlassen der Wohnung oder Autofahren. Dadurch besteht insbesondere bei ausgeprägtem Schlafwandeln ein Verletzungsrisiko.
Warum Menschen schlafwandeln
Die Ursachen des Schlafwandelns sind vielfältig. Eine einzelne Ursache lässt sich nicht bei allen Betroffenen feststellen. Eine wichtige Rolle spielt die Regulation des Übergangs zwischen Schlaf und Wachzustand.
Zu den bekannten Faktoren gehören Schlafmangel, Stress, Fieber, unregelmäßige Schlafzeiten, Reisen und andere Unterbrechungen des Schlafs. Auch bestimmte Schlafstörungen können Schlafwandeln begünstigen. Die American Academy of Sleep Medicine nennt unter anderem Schlafentzug und schlafbezogene Atemstörungen als mögliche Auslöser beziehungsweise verstärkende Faktoren.
Auch eine familiäre Veranlagung kann eine Rolle spielen. Schlafwandeln tritt häufiger in Familien auf. Das bedeutet jedoch nicht, dass Kinder oder andere Familienmitglieder zwangsläufig ebenfalls schlafwandeln.
Alkohol kann den Schlaf verändern und Episoden begünstigen. Ebenso können bestimmte Medikamente mit Schlafwandeln in Verbindung stehen. Bei einem zeitlichen Zusammenhang mit einem Medikament sollte dieses allerdings niemals eigenständig abgesetzt werden. Eine ärztliche Rücksprache ist notwendig.
Schlafwandeln bei Kindern
Bei Kindern kommt Schlafwandeln deutlich häufiger vor als bei Erwachsenen. Viele Kinder wachsen aus dem Phänomen wieder heraus, häufig bis zum Jugendalter. Gelegentliche Episoden ohne Verletzungen oder gefährliche Situationen müssen deshalb nicht automatisch behandelt werden.
Eltern sollten jedoch auf eine sichere Schlafumgebung achten. Fenster und Außentüren können gesichert, Stolperfallen entfernt und Treppen geschützt werden. Besonders wichtig ist es, potenziell gefährliche Gegenstände außerhalb der Reichweite des Kindes aufzubewahren.
Wenn Schlafwandeln sehr häufig auftritt, das Kind sich verletzt, das Haus verlässt oder tagsüber auffällig müde ist, sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen.
Schlafwandeln bei Erwachsenen
Schlafwandeln kann auch bei Erwachsenen auftreten. Neu auftretendes Schlafwandeln im Erwachsenenalter sollte allerdings genauer untersucht werden, insbesondere wenn die Episoden häufig, ungewöhnlich oder gefährlich sind.
Bei Erwachsenen kommen neben klassischen Auslösern auch andere Schlafstörungen, Medikamente und bestimmte neurologische Ursachen als mögliche Faktoren infrage. Ärzte berücksichtigen deshalb bei der Untersuchung auch Erkrankungen wie Schlafapnoe und andere Schlafstörungen.
Eine medizinische Untersuchung ist insbesondere dann sinnvoll, wenn Schlafwandeln erstmals im Erwachsenenalter auftritt, mehrmals pro Woche vorkommt, zu Verletzungen führt oder mit starker Tagesmüdigkeit verbunden ist.
Ist Schlafwandeln eine Krankheit
Ja, Schlafwandeln ist medizinisch als Schlafstörung beziehungsweise Parasomnie anerkannt. Der Begriff „Krankheit“ kann dabei allerdings missverständlich sein. Nicht jede Schlafwandel-Episode bedeutet, dass eine Person ernsthaft erkrankt ist.
Das medizinische Klassifikationssystem ICD-10 führt Somnambulismus ausdrücklich unter F51.3. Die internationale Schlafmedizin ordnet Schlafwandeln den NREM-Parasomnien beziehungsweise Störungen des Erwachens zu.
Entscheidend sind Häufigkeit, Ausprägung, mögliche Verletzungen und die Auswirkungen auf den Alltag. Seltenes Schlafwandeln kann harmlos sein. Häufiges oder gefährliches Schlafwandeln sollte dagegen ärztlich untersucht werden.
Ist Schlafwandeln gefährlich
Das Schlafwandeln selbst ist häufig nicht gefährlich. Problematisch können jedoch die Handlungen sein, die während einer Episode ausgeführt werden.
Mögliche Gefahren sind:
- Stürze auf Treppen
- Stürze aus Fenstern
- Verletzungen an Möbeln
- Schnittverletzungen
- Verbrennungen
- Verlassen des Hauses
- Verkehrsunfälle
- gefährlicher Umgang mit Gegenständen
- selten auch Verletzungen anderer Personen
Eine sichere Schlafumgebung ist deshalb ein zentraler Bestandteil des Umgangs mit Schlafwandeln. Fenster und Türen sollten gegebenenfalls gesichert, Treppen abgesperrt und Stolperfallen entfernt werden. Bei besonders ausgeprägtem Schlafwandeln kann ein Schlafzimmer im Erdgeschoss sinnvoll sein.
Soll man einen Schlafwandler aufwecken
Ein Schlafwandler muss nicht grundsätzlich aufgeweckt werden. Wenn keine unmittelbare Gefahr besteht, kann es sinnvoll sein, die Person ruhig zurück ins Bett zu begleiten. Befindet sie sich dagegen in einer gefährlichen Situation, sollte eingegriffen werden.
Nach dem Erwachen können Schlafwandler vorübergehend verwirrt oder desorientiert sein. Das erklärt auch, warum Gespräche während einer Episode nicht unbedingt zu einer späteren Erinnerung führen.
Der weit verbreitete Mythos, dass ein Schlafwandler beim Aufwecken sterben könne, ist falsch.
Schlafwandeln und Träume
Schlafwandeln ist nicht dasselbe wie das klassische Ausagieren eines Traums. Es entsteht typischerweise während des tiefen NREM-Schlafs. Die sogenannte REM-Schlaf-Verhaltensstörung findet dagegen im REM-Schlaf statt und kann mit dem körperlichen Ausagieren von Trauminhalten verbunden sein.
Diese Unterscheidung ist insbesondere bei Erwachsenen wichtig. Bewegungen wie Schlagen, Treten oder starkes Rufen während des Schlafs können unterschiedliche Ursachen haben und sollten bei häufigem Auftreten medizinisch beurteilt werden.
Schlafwandeln und Nachtschreck
Schlafwandeln und Nachtschreck, medizinisch Pavor nocturnus, gehören beide zu den NREM-Parasomnien und können insbesondere bei Kindern auftreten. Beim Nachtschreck stehen allerdings intensive Angstreaktionen, Schreien und eine starke körperliche Aktivierung im Vordergrund.
Beide Phänomene können in derselben Person auftreten. Die Betroffenen erinnern sich nach dem Ereignis häufig nicht daran.
Schlafwandeln und Epilepsie
Manche nächtlichen epileptischen Anfälle können äußerlich ähnlich aussehen wie Schlafwandeln. Eine genaue Diagnose ist deshalb wichtig, wenn Episoden sehr kurz, stereotyp und immer nahezu identisch ablaufen, ungewöhnlich häufig auftreten oder weitere neurologische Auffälligkeiten bestehen.
Zur Abklärung können eine neurologische Untersuchung und gegebenenfalls eine Untersuchung im Schlaflabor eingesetzt werden. Bei einer Polysomnographie werden unter anderem Gehirnaktivität, Atmung, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung sowie Augen- und Beinbewegungen überwacht. Häufig wird das Schlafverhalten zusätzlich per Video aufgezeichnet.
Wie wird Schlafwandeln diagnostiziert
Die Diagnose basiert zunächst auf der Krankengeschichte und einer genauen Beschreibung der Episoden. Besonders hilfreich können Angaben von Angehörigen oder einem Schlafpartner sein, da die betroffene Person selbst häufig keine Erinnerung an das Ereignis hat.
Ärzte können unter anderem nach folgenden Punkten fragen:
- Wann tritt das Schlafwandeln auf
- Wie häufig kommt es vor
- Wie lange dauern die Episoden
- Welche Handlungen werden ausgeführt
- Besteht eine Erinnerung am nächsten Morgen
- Gibt es Verletzungen
- Bestehen Atemaussetzer oder starkes Schnarchen
- Welche Medikamente werden eingenommen
- Gibt es Schlafwandeln in der Familie
- Wie regelmäßig und ausreichend ist der Schlaf
Eine Schlafuntersuchung im Labor ist nicht bei jedem Fall notwendig. Sie kann jedoch sinnvoll sein, wenn die Diagnose unklar ist oder andere Schlafstörungen beziehungsweise nächtliche Anfälle ausgeschlossen werden sollen.
Behandlung von Schlafwandeln
Gelegentliches Schlafwandeln benötigt häufig keine spezielle Behandlung. Im Mittelpunkt stehen ausreichender Schlaf, regelmäßige Schlafzeiten und eine sichere Umgebung. Bei Kindern verschwindet Schlafwandeln häufig mit zunehmendem Alter.
Wenn eine andere Erkrankung oder Schlafstörung das Schlafwandeln begünstigt, sollte diese behandelt werden. Auch Medikamente können gegebenenfalls überprüft werden, wenn ein Zusammenhang vermutet wird.
Eine weitere Möglichkeit sind sogenannte geplante Aufweckungen. Dabei wird eine Person ungefähr 15 Minuten vor dem typischen Zeitpunkt einer Episode kurz geweckt und bleibt einige Minuten wach, bevor sie wieder einschläft. Diese Methode kann insbesondere dann interessant sein, wenn Schlafwandeln regelmäßig zur gleichen Zeit auftritt.
Medikamente kommen grundsätzlich nur bei ausgewählten schweren Fällen und unter ärztlicher Betreuung infrage. Eine Selbstmedikation ist nicht empfehlenswert.
Was Betroffene selbst tun können
Ein regelmäßiger Schlafrhythmus und ausreichend Schlaf gehören zu den wichtigsten Maßnahmen. Ebenso kann es hilfreich sein, Alkohol zu vermeiden und persönliche Auslöser zu beobachten.
Ein Schlaftagebuch kann dabei helfen. Darin können Schlafenszeit, Aufstehzeit, Schlafqualität, Stress, Alkohol, Medikamente und der Zeitpunkt von Schlafwandel-Episoden dokumentiert werden. Solche Informationen können bei einer späteren ärztlichen Untersuchung wertvoll sein.
Wann Schlafwandeln ärztlich abgeklärt werden sollte
Eine ärztliche Untersuchung ist empfehlenswert, wenn Schlafwandeln häufig auftritt, beispielsweise mehrmals pro Woche oder mehrfach in einer Nacht. Auch Verletzungen, gefährliche Handlungen, erhebliche Tagesmüdigkeit oder eine starke Belastung der betroffenen Person beziehungsweise der Familie sprechen für eine Abklärung. Mayo Clinic empfiehlt ebenfalls eine Untersuchung, wenn Schlafwandeln erstmals im Erwachsenenalter beginnt oder bis in die Jugend fortbesteht.
Besondere Aufmerksamkeit ist erforderlich, wenn Atemaussetzer, starkes Schnarchen, ungewöhnliche Bewegungen oder der Verdacht auf nächtliche epileptische Anfälle hinzukommen.
Fazit zum Schlafwandeln
Schlafwandeln ist eine anerkannte Schlafstörung und gehört zu den NREM-Parasomnien. Medizinisch wird es als Somnambulismus beziehungsweise als Störung des Erwachens bezeichnet. Die betroffene Person ist während einer Episode nicht vollständig wach, kann aber dennoch aufstehen, laufen, sprechen und teilweise komplexe Handlungen durchführen.
Bei Kindern ist Schlafwandeln relativ häufig und verschwindet oft von selbst. Bei Erwachsenen sollte neu auftretendes oder stark ausgeprägtes Schlafwandeln genauer untersucht werden. Besonders wichtig ist die Vermeidung von Verletzungen und die Behandlung möglicher Auslöser wie Schlafmangel, unregelmäßiger Schlaf, bestimmte Schlafstörungen oder andere gesundheitliche Faktoren.
Wer regelmäßig schlafwandelt, sich dabei verletzt, das Haus verlässt oder tagsüber unter erheblicher Müdigkeit leidet, sollte das Schlafwandeln ärztlich abklären lassen. Eine Untersuchung kann dabei helfen, zwischen einer klassischen NREM-Parasomnie und anderen Ursachen für nächtliches Verhalten zu unterscheiden.
Kalenderblatt - 10. Oktober
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