Geschichte: Stationen des Ersten Weltkriegs

    Aus WISSEN-digital.de


    In Deutschland wie auch in den übrigen am Konflikt beteiligten Ländern schlug die patriotische Begeisterung hohe Wellen.

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    Vom Balkon des Berliner Schlosses rief Kaiser Wilhelm II. am Vorabend des Kriegsausbruchs der jubelnden Menge zu: "Wenn es zum Kampfe kommt, hört jede Partei auf!" Selbst die in Opposition zum wilhelminischen Staat stehende deutsche Sozialdemokratie - sie war inzwischen zur stärksten Partei geworden - zeigte sich im Zeichen der Krise zum "Burgfrieden" bereit und stimmte für die Bewilligung der notwendigen Kriegskredite. Unter dem stürmischen Beifall auch der bürgerlichen Parteien erklärte ihr Vertreter im Plenum des Reichstags: "Wir machen wahr, was wir immer gesagt haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich." Diese Eintracht konnte freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland letztlich ohne einheitliche Führung in den Krieg eintrat. Denn während in den westlichen Demokratien die militärische der politischen Führung unterstellt war (Clemenceau: "Der Krieg ist viel zu wichtig, als dass man ihn den Generalen überlassen darf"), standen in Deutschland Oberste Heeresleitung und Kabinett gleichberechtigt nebeneinander. Die Koordination oblag dem Kaiser als dem "Obersten Kriegsherrn", doch Wilhelm II. scheiterte an dieser Aufgabe.

    Setzte der Schlieffen-Plan das Reich bereits unter erheblichen Zeitdruck, so brachte der vorgesehene Einfall nach Frankreich über das neutrale Belgien zusätzlich ein schweres politisches Problem, denn Deutschland war damit gezwungen, den Krieg mit einem eklatanten Völkerrechtsbruch zu beginnen. Am 2. August 1914 wurde Brüssel ein Ultimatum gestellt mit der Forderung, den deutschen Truppen das Durchmarschrecht durch Belgien einzuräumen - Bedenkzeit 12 Stunden. Der König der Belgier wandte sich daraufhin mit der Bitte um Hilfe an London, das Berlin ultimativ aufforderte, die Neutralität Belgiens zu wahren. Dies bedeutete zwar de facto die Kriegserklärung, aber England gewann so eine völkerrechtlich einwandfreie Position. Deutschland - unter dem Druck seiner angelaufenen Mobilmachung - erklärte am 3. August an Frankreich und am 4. August an Belgien den Krieg, nachdem es schon am 1. August der russischen Regierung die Kriegserklärung hatte zukommen lassen. Gegenüber der Weltöffentlichkeit hatte damit Deutschland den Krieg ausgelöst, obwohl Russland schon wesentlich früher und Frankreich kurz vor Deutschland die Mobilmachung angeordnet hatten. England seinerseits erklärte den "Mittelmächten" - Deutschland am 4. August, Österreich-Ungarn am 12. August - den Krieg.

    Selbstverständlich war die Seemacht England nicht in der Lage, Belgien wirksam zu schützen. Die Leichtherzigkeit aber, mit der sich das Reich über dessen Neutralität hinwegsetzte, ganz besonders aber der Ausspruch des Reichskanzlers Bethmann Hollweg, die – von Preußen mitunterzeichnete - Garantieerklärung für den belgischen Staat von 1839 sei nur "ein Fetzen Papier", war nicht dazu angetan, Deutschlands Position vor der Weltöffentlichkeit zu verbessern.

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    Gemäß dem Schlieffen-Plan hatte die Masse des deutschen Feldheeres - 36 Armeekorps - entlang der französisch-belgischen Grenze vorzustoßen, sich dann nach Südwesten zu wenden und schließlich, westlich an Paris vorbei, nach Südosten einzuschwenken. Durch diese gewaltige Zangenbewegung sollte das französische Heer an seinem linken Flügel umfasst, gegen die Mosel und die Schweizer Grenze gedrückt und dort vernichtet werden. Gegenüber der starken französischen Festungslinie Verdun-Belfort sollten nur schwache deutsche Kräfte hinhaltend kämpfen.

    Dieser Strategie entsprechend rollten mit der Kriegserklärung an Frankreich die Züge planmäßig nach Westen. Wie von der Führung erwartet, eilten die deutschen Truppen zunächst von Sieg zu Sieg. Doch es waren im Sinne Schlieffens nur "ordinäre Siege", da sie die Kampfkraft des Gegners nicht entscheidend schwächten. Große Gefangenenzahlen blieben aus, französisches Beutematerial blieb ebenfalls gering. Statt dessen hatten die Deutschen hohe Verluste zu beklagen. Ihr Nachschub wurde schwieriger. Insbesondere wurde der äußerste rechte Flügel von Paris aus bedroht. Zwischen der 1. und der 2. Armee klaffte eine Lücke, in die sich englische Truppen hineinschoben.

    In dieser unklaren Situation wurde der deutsche Vormarsch gestoppt, die Schlacht an der Marne (5.-12. September 1914) abgebrochen und den deutschen Truppen der Rückzug befohlen. Damit aber war an den schnellen Sieg durch die große Umfassungsschlacht nicht mehr zu denken. Der deutsche Feldzugsplan im Westen war gescheitert. "Majestät, wir haben den Krieg verloren", meldete ein völlig verzweifelter Moltke dem deutschen Kaiser und nahm den Abschied. Zwar gelang es seinem Nachfolger, Erich von Falkenhayn, die Front wieder zu stabilisieren, doch sein Versuch, durch einen großen Angriff gegen Flanke und Rücken des Gegners den Krieg noch im Herbst zu entscheiden, scheiterte ebenso wie sein Plan, die Kanalküste als Basis für eine wirksame Seekriegführung gegen England zu besetzen. Nach den großen Herbstschlachten in Flandern erstarrte die ganze Westfront im Stellungskrieg.

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    Während sich die deutschen Truppen im Westen noch auf dem Vormarsch befanden, hatten die Russen, früher als erwartet, mit zwei Armeen ihren Aufmarsch gegen Deutschlands Grenze im Osten begonnen. Als General Prittwitz, Führer der 8. und einzigen deutschen Armee in Ostpreußen, vor dieser russischen Übermacht weichen wollte, wurde er durch Generaloberst Paul von Hindenburg ersetzt. Zusammen mit seinem Generalstabschef Generalmajor Erich Ludendorff stellte er sich dem Feind. Alle verfügbaren Kräfte wurden zunächst der russischen Narew-Armee entgegengeworfen. Bei Tannenberg gelang es, die Russen zu umzingeln und vernichtend zu schlagen (23.-31. August 1914). Nur einen Tagesmarsch entfernt stand eine zweite russische Armee. Dass Hindenburg und Ludendorff die Schlacht bei Tannenberg dennoch schlugen und gewannen, war ein Beweis ihrer Kühnheit und der meisterhaften Beherrschung des Bewegungskrieges. Unmittelbar nach diesem glänzenden Sieg versuchte man, die zweite russische Armee ebenso vernichtend zu treffen. Bei der Schlacht an den Masurischen Seen (6.-15. September) gelang zwar nicht die Umzingelung, doch mussten sich die Russen geschlagen aus Ostpreußen zurückziehen.

    Während Hindenburg und Ludendorff die Russen aus Ostpreußen vertreiben konnten, kämpften die verbündeten Soldaten der k. u. k.-Armee weniger glücklich. Auch Österreich-Ungarn hatte ein Zweifrontenproblem zu lösen. Im Vertrauen auf eine nicht allzu schnelle Einsatzbereitschaft der russischen Armee suchte man zunächst die Entscheidung gegen Serbien zu erzwingen. Nach anfänglichen Erfolgen mussten sich die österreichisch-ungarischen Truppen dennoch zurückziehen, während die Russen früher als erwartet in Galizien einfielen. Die zahlenmäßig stark unterlegene k. u. k.-Armee hatte hier dem Hauptdruck der "russischen Dampfwalze" zu widerstehen, vor der sie schließlich unter großen Verlusten weichen musste. 300 000 Tote und Verwundete waren zu beklagen, eine militärische Katastrophe, von der sich die österreichisch-ungarische Armee nicht mehr erholen sollte. Erst mit deutscher Hilfe gelang es dann, Serbien zu schlagen und gegen die Russen Erfolge zu erzielen. Nach wechselvollen Kämpfen erstarrten im September 1915 auch die Fronten im Osten zum Stellungskrieg.

    Durch den Kriegseintritt Italiens an der Seite der Alliierten im Mai 1915 wurde die Lage der Mittelmächte zusätzlich erschwert, wurden an der neuen Front in den Alpen und am Isonzo beträchtliche Kräfte gebunden. Ein entscheidender Durchbruch aber konnte auch hier nicht erzielt werden.

    Je länger sich der Krieg hinzog, je weniger sich ein Ende absehen ließ, desto entscheidender musste sich das unterschiedliche wirtschaftliche Potential der Krieg führenden Mächte auswirken. Hatte die deutsche Marineführung damit gerechnet, Großbritannien würde durch eine Nahblockade versuchen, die deutsche Küste abzuriegeln und für diesen Fall geplant, in einer offenen Seeschlacht den Durchbruch zu erkämpfen, veränderte die englische Entscheidung für eine Fernblockade die operative Situation der kaiserlichen Flotte.

    Zunächst reagierte Deutschland auf diese zweifellos völkerrechtswidrige englische Fernblockade - durch sie wurde die gesamte Nordsee für die Zufuhr nach Deutschland gesperrt - mit der völkerrechtlich ebenfalls nicht unproblematischen Proklamation des U-Bootkriegs. Mit Rücksicht auf die neutralen Staaten - insbesondere sollten die USA nicht unnötig provoziert werden -, wurde diese erste Proklamation des U-Bootkriegs vom 14. Februar 1915 im folgenden Jahr jedoch wieder aufgehoben.

    Die einzige große Seeschlacht des Ersten Weltkriegs, die Schlacht am Skagerrak vom 31. Mai 1916, brachte ebenfalls keine Wende. Beide Seiten meldeten Sieg, die britische Fernblockade jedoch blieb bestehen, die Zufuhr kriegswichtiger Güter nach Deutschland weiterhin gefährdet. Lieferungen aus den Kolonialgebieten waren schon bald nach Kriegsbeginn ausgefallen, denn mit Ausnahme Ostafrikas hatten die Kolonien schnell kapituliert. Die erfolgreichen Kämpfe der deutschen Schutztruppe unter General Paul von Lettow-Vorbeck in Ostafrika, der bis zum November 1918 den Engländern einen verbissenen Buschkrieg lieferte, konnten daran nichts ändern.

    Wollte Deutschland die Entscheidung doch noch erzwingen, musste es aus der Sackgasse des Stellungskrieges herauskommen und die Offensive wiedergewinnen. Nachdem Falkenhayn den Plan von Hindenburg/ Ludendorff und Hötzendorf, in einer gemeinsamen gigantischen deutsch-österreichischen Umfassungsschlacht die Russen entscheidend zu schlagen, abgelehnt hatte, da ihm die Kräfte der Verbündeten im Osten für ein solches Vorhaben zu schwach erschienen, versuchte er 1916, die Westfront wieder in Bewegung zu bringen. Seine Taktik lief darauf hinaus, den Gegner durch einen großen Aufwand an Menschen und Material "auszubluten". Ein massierter Angriff auf den Eckpfeiler der französischen Front, die Festung Verdun, die Frankreich nicht aufgeben konnte, sollte den Gegner dazu zwingen, hier sein Material und seine Mannschaften zu verschleißen. Mit einem achtstündigen Artilleriefeuer aus 1 400 Geschützen begann am 2. Februar 1916 der mörderische Kampf.

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    "An keiner Front und in keiner Schlacht hatte man etwas derartiges kennengelernt", schreibt General Philippe Pétain, der Verteidiger von Verdun. "Die Absicht der Deutschen war, eine Zone des Todes zu schaffen, in der sich keine Truppe halten könne. Eine Flut von Stahl, Feuer, Schrapnells, giftigen Gasen ging auf unsere Wälder, Schluchten, Gräben, Unterstände herab, die den ganzen Abschnitt in ein Leichenfeld verwandelte ... Ungeheure Explosionen erschütterten unsere Forts und hüllten sie in Rauch ein. Die Worte fehlen, solches Geschehen zu beschreiben."

    "Fort Douaumont", "Fort Vaux", "Toter Mann" und "Höhe 304" sahen ein fürchterliches Ringen. Zehn Monate lang tobten die heftigsten Kämpfe. Artilleriefeuer zerfurchte jeden Meter Boden. Über die Granattrichter stürmten mit Handgranaten und Flammenwerfern Hunderttausende unter großen Verlusten in das Feuer der Maschinengewehre. Rund 1 350 000 Tonnen Stahl durchpflügten die Erde. Jeder Hektar Boden des etwa 260 Quadratkilometer großen Geländes von Verdun wurde im Durchschnitt mit rund 50 Tonnen Stahl belegt. Über 350 000 Franzosen und annähernd ebenso viele Deutsche starben in der "Hölle von Verdun". Falkenhayns Rechnung ging nicht auf: Nicht nur die Franzosen verbluteten, auch die Deutschen erlitten ungeheure Einbußen an Menschen und Material. Die Festung aber blieb in französischer Hand. Falkenhayn musste gehen. An seine Stelle trat das Duumvirat Hindenburg/ Ludendorff.

    Dieser Wechsel führte zu einer weiteren Betonung des Militärischen, zu einer weiteren Intensivierung der Kriegführung. Je stärker sich die englische Blockade bemerkbar machte, je mehr Menschen und Material den grauenvollen Materialschlachten zum Opfer fielen, desto rigoroser galt es, an der Heimatfront alle Energien der Kriegswirtschaft zuzuführen. Das von Ludendorff entworfene "Hindenburgprogramm" lief bereits auf den totalen Krieg hinaus. Sämtliche Kräfte hatten nur noch einem Ziel zu dienen: dem Krieg. Mit dieser Konzentration aller Kräfte gelang es zwar, die deutsche Kriegsproduktion beträchtlich zu steigern, doch selbst die größten Anstrengungen konnten gegen das weltweite Potenzial der Alliierten auf lange Sicht nicht aufkommen.

    In dieser misslichen Situation verstärkte sich der Ruf nach der Wiederaufnahme des U-Bootkriegs. Im uneingeschränkten U-Bootkrieg sah man die "Wunderwaffe", die den angestrebten Siegfrieden erzwingen sollte.

    "Der Krieg", so heißt es in dem Schreiben des Chefs des Admiralstabs v. Holtzendorff an Generalfeldmarschall v. Hindenburg vom 22. Dezember 1916, "verlangt eine Entscheidung vor Herbst 1917, wenn er nicht in allgemeiner Erschöpfung aller Parteien und damit für uns verhängnisvoll enden soll. Von unseren Gegnern sind Italien und Frankreich in ihrem Wirtschaftsgefüge so stark erschüttert, daß sie nur noch durch die Energie und Tatkraft Englands aufrechterhalten werden. Gelingt es, England das Rückgrat zu brechen, so ist der Krieg sofort zu unseren Gunsten entschieden. Englands Rückgrat aber ist der Schiffsraum, der den großbritannischen Inseln die notwendige Zufuhr für die Erhaltung des Lebens und der Kriegsindustrie bringt und die Zahlungsfähigkeit im Auslande sichert ... Ich komme daher zu dem Schluß, daß ein uneingeschränkter U-Bootkrieg, der so rechtzeitig eröffnet wird, daß er den Frieden vor der Welternte des Sommers 1917, also vor dem 1. August herbeiführt, selbst den Bruch mit Amerika in Kauf nehmen muß, weil uns gar keine andere Wahl bleibt. Ein bald einsetzender uneingeschränkter U-Bootkrieg ist also trotz der Gefahr eines Bruches mit Amerika das richtige Mittel, den Krieg siegreich zu beenden. Es ist auch der einzige Weg zu diesem Ziel ..."

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    Das Duumvirat Hindenburg-Ludendorff machte sich diese Argumentation zu eigen. Ihnen gegenüber konnte sich Reichskanzler Bethmann Hollweg nicht durchsetzen. Vergeblich hatte er gewarnt, alles zu unterlassen, was zum Kriegseintritt der USA führen könnte. Am 9. Januar 1917 kapitulierte der Reichskanzler, höchster Repräsentant der politischen Gewalt, vor dem Machtanspruch des Militärs. Im Hauptquartier zu Pleß wurde der uneingeschränkte U-Boot-Krieg beschlossen. Um England "auszuhungern" wurde der Bruch mit den Vereinigten Staaten bewusst in Kauf genommen. Noch bevor sich das amerikanische Eingreifen auswirken könne, würde England innerhalb von sechs Monaten wirtschaftlich und militärisch zusammenbrechen. Doch diese "letzte Karte" der Obersten Heeresleitung stach nicht. Was Bethmann Hollweg und andere warnend vorausgesagt hatten, trat ein: Die Versenkung mehrerer neutraler, darunter auch amerikanischer Handelsschiffe, war den USA der willkommene Anlass, Deutschland am 6. April 1917 den Krieg zu erklären. Noch stärker als zuvor strömten mit dieser Kriegserklärung Kapital, Rohstoffe, Waffen, Munition und Menschen aus den Vereinigten Staaten ins Lager der Entente.

    Die Situation der Mittelmächte wurde zusehends schlechter. Während sich der Kern des deutschen Frontheeres im Wesentlichen behauptete, kam es in der Heimat zu Unruhen und Streiks.

    Ein von Hunger und Not zermürbtes Volk, wütend über Wucher, Schleichhandel, Korruption und Kriegsgewinnler, wurde immer zugänglicher für eine sich verstärkende sozialistische Agitation gegen den Krieg und gegen das herrschende monarchisch-kapitalistische System.

    "Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!" forderte Karl Liebknecht, Führer der radikalen Spartakusgruppe, schon am 1. Mai 1916 auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Als er deswegen zu Gefängnishaft verurteilt wurde, traten in Berlin 50 000 Arbeiter in den Streik.

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    Auch die Gegensätze innerhalb der Sozialdemokratischen Partei hatten sich im Laufe des Krieges verschärft und führten mit der Gründung der strikt pazifistischen "Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" (USPD) im April 1917 schließlich zur förmlichen Spaltung. Gegen "Spartakus" und gegen "Unabhängige" behaupteten die "Mehrheitssozialisten" den Kurs von 1914. Nachdrücklich verteidigte ihr Führer Friedrich Ebert die Haltung der Partei: "In einer Zeit, in der die englischen Munitionsarbeiter auf Feiertage und Sonntage verzichten, in der die ganze Welt mit äußerster Kraftanstrengung für die Entente Munition und Kriegsmaterial herstellt, in der die Entente ein Land nach dem anderen in den Krieg hineinzwingt, in der alle feindlichen Staatsmänner grundsätzlich jede Friedensbereitschaft ablehnen und unsere Söhne und Brüder an allen Fronten im furchtbarsten und mörderischsten Trommelfeuer liegen, in dieser Zeit sollen die deutschen Munitionsarbeiter streiken? Wäre das nicht Wahnsinn?"

    Trotzdem kam es im April 1917 zu Massenstreiks. Außenpolitisch verlangte man einen Frieden ohne Annexionen, innenpolitisch das freie und gleiche Wahlrecht in allen Bundesstaaten. Diesem Druck von unten konnten sich auch die Mehrheitssozialisten nicht mehr entziehen. Nachdrücklich forderten sie die Beseitigung des Dreiklassenwahlrechts in Preußen, energisch setzten sie sich für einen Verständigungsfrieden ein. Die Uneinsichtigkeit der Rechtsparteien, die für solche Forderungen kein Verständnis zeigten, verschärfte die innenpolitischen Gegensätze. Zermürbt und zerstritten, ohne zielstrebige Führung ging Deutschland in das letzte Jahr des Krieges.

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    Immerhin schien dieses Jahr auch einen militärischen Vorteil zu bringen. Mit deutscher Unterstützung nämlich war Wladimir Iljitsch Lenin mit einer Handvoll russischer Revolutionäre im April 1917 aus seinem Schweizer Exil über Deutschland, Schweden und Finnland nach Russland gelangt. Bereits einen Monat zuvor, am 15. März, hatte hier eine von bürgerlich-liberalen Kräften getragene Revolution den Zaren zur Abdankung gezwungen. Doch während die neuen Machthaber entschlossen waren, den Krieg gegen die Mittelmächte weiterzuführen, agitierten die kommunistischen "Bolschewiki" unter Lenins Führung für einen sofortigen Frieden. Am 7. und 8. November - nach russischem Kalender am 25. und 26. Oktober - stürmten Kronstädter Matrosen und Arbeitermilizen das Winterpalais des Zaren in Petersburg. Auch in Moskau führte ein bewaffneter Aufstand zum Erfolg. Lenin und die Bolschewisten übernahmen die Macht. Ihnen wiederum, den Führern eines demoralisierten und ausgebluteten Russlands, konnten die Deutschen am 3. März 1918 den Frieden von Brest-Litowsk aufzwingen. Damit schied Russland aus dem Kreis der Krieg führenden Mächte aus. Neue Kräfte wurden frei für die im Westen gesuchte Entscheidungsschlacht. Genau wie im Osten wollten die Militärs nun auch im Westen den Siegfrieden erzwingen.


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