Geschichte: Renaissance

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    Die Entwicklung zerstörte jedoch nicht nur die mittelalterliche universale Ordnung, sondern prägte auch neue Menschentypen wie den Unternehmer, den Erfinder oder den Entdecker. Sie setzte im höchsten Maße kulturschöpferische Impulse frei. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der ober- und mittelitalienischen Stadtstaaten. Nachdem sie die politische Autonomie gegenüber Kaiser und Feudalherren errungen hatten, wurden sie auch zu Trägern einer neuen weltzugewandten Kultur, die man mit den Begriffen Humanismus und Renaissance zu kennzeichnen pflegt.

    Schon der italienische Maler, Architekt und Kunstschriftsteller Giorgio Vasari (1511-1574) hat das 14. und 15. Jahrhundert als einheitliche Epoche angesehen und sie im Hinblick auf die Wiedergeburt der Antike mit dem (kunsthistorisch gemeinten) Begriff der "rinascita" charakterisiert. In der Beschäftigung mit der Antike, mit dem Wesen des antiken Menschen und seines Staats suchte und fand man eine historische Bestätigung der angestrebten neuen politischen und sozialen Lebensform. Die griechische Polis erschien als Urbild der autonomen Stadtrepublik, die Begegnung mit den griechischen Klassikern, insbesondere den Philosophen, vermittelte ein Weltbild, das frei von religiöser Bevormundung gleichsam "selbstverständlich" zu sein schien. Griechisches Denken verschmolz mit dem Selbstverständnis und Lebensgefühl des emanzipierten Bürgers und prägte das neuzeitliche Ideal der autonomen Persönlichkeit, deren Gesinnung und Weltanschauung im Humanismus zum Ausdruck kam.

    Die Weltzugewandtheit der Renaissance-Menschen Italiens zeigt sich auf allen Gebieten des kulturellen Lebens. In der Baukunst wurde die transzendentale Vertikale der Gotik von der erdnahen Horizontalen der Renaissancearchitektur abgelöst. Diese Tendenz erfasste auch den Sakralbau; in der Peterskirche, geschaffen von Bramante (gestorben 1514), Raffael (1483-1520) und Michelangelo (1475-1564), gipfelte die baukünstlerische Leistung der Epoche. Die Profanarchitektur setzte nun das breit dahin gelagerte Schloss an die Stelle der gotischen Burg. Die Plastik und Malerei zeigten das Streben zu naturgetreuer Wiedergabe vor allem in der Beachtung der Proportionen und der Perspektive.

    Das neue Persönlichkeitsideal gab den Anstoß zur Entwicklung der Porträtmalerei. Auch die Entdeckung der Landschaft für die Wandmalerei (Fresko, d.h. mit Wasserfarben auf frischem Verputz) gehört in diesen Zusammenhang.

    Religiöse Themen stehen im Schaffen der Großen der Zeit neben den antiken Stoffen, so bei Raffael, Michelangelo, Leonardo da Vinci (1452-1519) und Tizian (gestorben 1576). Leonardo erscheint gleichsam als Typus des Renaissancemenschen. Wissenschaftlicher Erkenntnisdrang (Abhandlungen "Über die Malerei" und die "Anatomie des Menschen") verbindet sich bei ihm mit schöpferischer Gestaltungskraft und naturwissenschaftlich-technischer Experimentierlust (Erfindung der Pumpe, der Drehbank, der hydraulischen Presse; Versuche mit Flugmaschinen). Die großen bildenden Künstler der deutschen Renaissance wie Albrecht Dürer, Hans Holbein d. Jüngere und Albrecht Altdorfer waren durch die italienische Kunst aufs stärkste beeinflusst.

    In der Literatur der italienischen Renaissance regte sich der neue Geist der Wissenschaft in Quellenforschung und Quellenkritik; die Ausbildung der philologisch-historischen Methode hat hier ihre Wurzel. Geschichtsschreibung und Biografie begannen ihren Weg als von innen her völlig erneuerte, der Wahrheitssuche verpflichtete literarische Gattungen. Die Philosophie der Antike, vor allem Plato, rückte in den Mittelpunkt des humanistischen Interesses. Die großen Denker der Platonischen Akademie zu Florenz, Marsilio Ficino (1433-1499) und Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494), entwickelten die Idee der autonomen, selbstherrlichen Persönlichkeit als Mittelpunkt der Schöpfung. Pico della Mirandola zeigte die Ambivalenz der menschlichen Natur auf, den Spannungsbogen ihrer Möglichkeiten zwischen Bestialität und Gottähnlichkeit.

    Der literarische Humanismus hatte in Italien, in Vorformen schon bei Dante Alighieri (1265-1321) und Francesco Petrarca (1304-1374), eingesetzt. In den wenigen Jahrzehnten zwischen der Ankunft griechischer Gelehrter, die nach der Einnahme Konstantinopels (1453) vor den Türken geflohen waren, und der Eroberung Roms durch habsburgische Truppen (1527) entfaltete sich der Humanismus zur Hochblüte.

    Seine Wirkung erstreckte sich auf das gesamte Abendland, vor allem auf England, Frankreich und Deutschland. Er eroberte die Universitäten und verdrängte die Scholastik; das Wirken des Universitätslehrers Rudolf Agricola (1443-1485) in Heidelberg, Konrad Celtis (1459-1508) in Ingolstadt und Wien, Johann Reuchlins (1455-1522) in Heidelberg, Florenz und Paris und des Erasmus von Rotterdam (1469?-1536) in Paris, Oxford und Basel (nach burgundischen und italienischen Wanderjahren) zeigt das deutlich. Der Italiener Dante Alighieri, der an der Wurzel der humanistischen Bewegung in seiner "Göttlichen Komödie" das antike Weltbild mit dem mittelalterlichen hatte vereinen wollen, fand eine ins Gelehrtenhaft-Rationale gewandte Bestätigung durch das Christusbild des Erasmus, in das dieser antike Tugend und klassisches Persönlichkeitsmaß hineinprojizierte. Erasmus stand so im bewussten Gegensatz zum revolutionären Wirken Luthers.

    Aber Erasmus führte auch aus dem Nationalismus der Frührenaissance heraus zum Ideal eines Weltbürgertums. Das brachte ihn in scharfe Gegnerschaft zum politischen Humanismus eines Jakob Wimpfeling (1450-1528, Vertreter des Deutschtums im Elsass) oder eines Ulrich von Hütten (1488-1523).

    Der große Staatstheoretiker der italienischen Renaissance, Niccolo Machiavelli (1469-1527), ergänzte die Vorstellung vom selbstherrlichen Menschen durch die Theorie des autonomen Staats und des absoluten Fürsten (in seinem Werk Il principe, "Vom Fürsten", erschienen 1532). So ist die Renaissance zur Wiege des modernen Europas mit seiner auf Nationalstaaten gründenden Kultur geworden.