Drittes Reich

    Aus WISSEN-digital.de

    Begriffserklärung

    Ursprünglich das letzte Zeitalter in der chiliastischen Geschichtsauffassung des Joachim von Fiore, der die Menschheitsgeschichte in drei aufeinander folgende Reiche (das Reich des Vaters/ der Gesetze; das Reich des Sohnes/ des Neuen Testaments; das Reich des Heiligen Geistes/ der Erlösung) aufteilte. Anfang des 20. Jh.s wurde der Begriff in in Deutschland im Bereich konservativ-antidemokratischer Theorien wiedererweckt.


    Schließlich wurde "Drittes Reich" zur Bezeichnung für den nationalsozialistischen, auf der "Volksgemeinschaft" und der Herrschaft der NSDAP beruhenden Einheitsstaat (das dritte Reich, nach dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und dem preußisch-deutschen Kaiserreich).

    Der Begriff wurde Mitte 1939 abgelöst durch den Terminus "Großdeutsches Reich", in der Geschichtsforschung seit 1945 jedoch wieder verwendet. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf das "Dritte Reich" im Sinne dieses "Hitler-Reichs".

    Das Jahr 1933

    Die Berufung Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Hindenburg beendete nach dem Sturz des Präsidialkabinetts Schleicher die Zeit der Weimarer Republik; "Nationales Konzentrationskabinett" mit nur zwei Nationalsozialisten (Reichsinnenminister Wilhelm Frick und Reichsminister ohne Geschäftsbereich Hermann Göring); die anderen Mitglieder gehörten den Deutschnationalen und dem Stahlhelm an (von Papen, von Blomberg, Seldte, von Neurath, von Rübenach, von Krosigk, Gärtner).

    Vizekanzler von Papen glaubte, mit seiner bürgerlichen Ministermehrheit Hitler "einzäunen" und "zähmen" zu können. Hitler, für den der 30.1.1933 Tag der "Machtergreifung" de facto war, löste jedoch am 1.2. den Reichstag auf, um die Koalitionspartner zu schwächen. Kabinettsumbildung: Auswärtiges: von Neurath, 1938 Ribbentrop; Inneres: Frick, 1942 Himmler; Wirtschaft: Schmitt, 1934 Schacht; 1937 Göring, 1938 Funk; Justiz: Gärtner, 1941 Schlegelberger (beauftragt), 1943 Thierack; Wehrminister: Blomberg, 1938 aufgehoben; Post: von Rübenach, 1937 Ohnesorge; Verkehr: von Rübenach, 1937 Dorpmüller; Ernährung: Darre, 1942 Backe; Propaganda: Goebbels; Luftfahrt: Göring; Kultus: Rust; Forsten: Göring; Kirchen: Kerrl.

    In Deutschland befand sich seit dem 30.1. die tatsächliche Gewalt bereits in den Händen der radikalen Parteiorganisation. Bildung der Geheimen Staatspolizei durch Göring, zuerst in Preußen, Terror gegen politisch Andersdenkende und gegen die Juden, Flucht zahlreicher bedeutender Politiker, Gelehrter, Künstler, Schriftsteller ins Ausland; "wilde" Konzentrationslager mit willkürlicher Häftlingsbehandlung durch die Rache ausübende SA. Die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat (28.2.1933) schaffte permanenten Ausnahmezustand mit Aufhebung der Grundrechte und Ausschaltung der Opposition und gab Hitler die absolute Polizeigewalt.

    Am 5.3.1933 nach dem Reichstagsbrand (24.2.) und der Inhaftierung der kommunistischen Kandidaten "Wahl" mit knapper Mehrheit (NSDAP nur 43,9 %) für Regierungskoalition; schwarz-rot-goldene Flagge durch Schwarz-Weiß-Rot und Hakenkreuz ersetzt, die auch als Staffage bei der "Verbrüderungsszene" Hitler-Hindenburg ("Nationale Revolution" und "Preußische Tradition") am "Tag von Potsdam" dienten, dem Staatsakt in der Garnisonskirche zur Eröffnung des 1. Reichstags des Dritten Reiches (21.3.1933); der Reichstag verzichtete gegen die Stimmen der SPD im (später verlängerten) "Ermächtigungsgesetz" vom 24.3.1933 auf die Legislative. 31.3. Gleichschaltung der Länder unter Reichsstatthaltern (Länderparlamente erhielten ohne Wahl gleiche Zusammensetzung wie der Reichstag); am 7.4.1933 allgemeines Gleichschaltungsgesetz (erweitert am 31.1.1934); Führerprinzip für alle Vereine, Organisationen (außer den Kirchen und der Wehrmacht) nach dem Muster der NSDAP; am 1. und 2.5. nach Massen-Maiaufzügen mit kontrollierter Beteiligung Gleichschaltung (Beseitigung) der Gewerkschaften und Einzug des Gewerkschaftsvermögens: Ende der Parteien (außer der NSDAP); Verbot der Neubildung von Parteien (14.7.); organisierter Boykott der Juden im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben.

    Trotz der Zusage, an Internationalen Konferenzen teilzunehmen, am 14.10.1933 Austritt aus der Abrüstungskonferenz und dem Völkerbund, um freie Hand für die in "Mein Kampf" programmierten außenpolitischen Aktionen zu haben; der Austritt wurde durch die Volksabstimmung vom 12.11.1933 (39 Millionen Ja-Stimmen) sanktioniert; Ausbau der "totalen Propaganda" auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens, auch in Wissenschaft, Kunst, Literatur, Film, Rundfunk, Versammlungen, Urlaubsgestaltung u.a.; Mobilisierung kritikloser, einseitig unterrichteter, nur noch gefühlsmäßig und auf Schlagworte reagierender Massen unter Tarnung der letzten Ziele. Glorifizierung Hitlers als des von der "Vorsehung berufenen Führers".

    Durch das Reichskonkordat (20.7.1933) suchte Rom Bekenntnisfreiheit zu retten, um die bedrohte christliche Basis zu stärken; Hitler täuschte seine Partner und weiteste christliche Kreise über seine antichristlichen, kulturkämpferischen Absichten; der Kirchenkampf begann mit Angriff auf die Einheit der evangelischen Kirche (durch Partei gesteuerte, weitgehend adogmatische Bewegung der "Deutschen Christen" unter Reichsbischof Müller; ihnen stellte sich die "Bekennende Kirche" entgegen). Erste sichtbare wirtschaftliche Erfolge durch Verringerung der Arbeitslosenziffern um 600 000, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Autobahnbau.

    Das Jahr 1934

    Das Jahr 1934 brachte den Einbruch in das französische Bündnissystem im Osten durch (provisorisch gedachten) Freundschaftspakt mit Polen (16.1.); der Reichsverteidigungsrat beschloss die "wirtschaftliche Kriegsvorbereitung" , innenpolitisch blutige Ausschaltung der SA-Armee unter Stabschef Röhm als Machtfaktor ("Juni-Revolte", "Röhm-Putsch", 30.6. ff.

    Röhms Ziele: Überordnung der SA als eines nationalsozialistischen Volksheeres über die Reichswehr und soziale Revolution); zugleich Ermordung persönlicher Gegner Hitlers (unter anderem Schleicher, Gregor Strasser, Kahr); Sieger war nicht die Reichswehr, sondern die SS (Schutz-Staffel), die unter Himmler und Heydrich von der SA gelöst und durch die Verbindung zur Gestapo und durch die Verwaltung und Bewachung der Konzentrationslager Hauptträger des politischen Terrors und aktivstes Werkzeug der Diktatur wurde; Hitler entledigte sich des Vizekanzlers von Papen, der nach dem misslungenen nationalsozialistischen Putsch in Wien (Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuß, 25.7.1934) "Versöhnungsgesandter" in Wien wurde; nach dem Tode Hindenburgs (2.8.1934) Abschaffung des Reichspräsidententitels.

    Hitler erhob sich als "Führer und Reichskanzler" zum unumschränkten Staatsoberhaupt und forderte Eidesleistung der Reichswehr auf seine Person; Hakenkreuzflagge wurde Reichsflagge (15.9.1934). Geheime Parteipropaganda für Annektierung der Ukraine und für deutschen Korridor durch Südbelgien-Nordfrankreich zum Atlantik.

    Das Jahr 1935

    Am 13.1. entschied sich die Saarbevölkerung (99 %) für Wiedereingliederung ins Deutsche Reich; Frankreich führte die zweijährige Militärdienstpflicht ein, Hitler die allgemeine Wehrpflicht (16.3.); Protest gegen diesen Vertragsbruch und gemeinsame Abwehrpolitik Englands, Frankreichs, Italiens (Konferenz von Stresa, 11.4.) und französisch-sowjetischer Beistandspakt (2.5.); England entschloss sich, aus Furcht vor der Bolschewistischen Gefahr und um Krieg zu verhindern, zur Politik des Entgegenkommens ("Appeasement"): Flottenabkommen mit Deutschland am 18.6.1935; Hitler unterstützte Italien im Abessinienkrieg (seit 3.10.) und schaffte so Voraussetzung für spätere "Achse Berlin-Rom".

    Die "Nürnberger Gesetze" (15.9.) entzogen den Juden die Staatsbürgereigenschaft, das Wahlrecht, verboten Eheschließung mit "Deutschen" und schalteten sie durch die Vorschrift des "Ariernachweises" aus dem öffentlichen Leben aus; gegen Jahresende war neben der Organisation der Staats- und Kommunalverwaltungen die allmächtige Parteihierarchie mit einigen hunderttausend Amtsträgern im wesentlichen aufgebaut: Reichsleitung der Partei, Sitz im "Braunen Haus" in München, mit dem "Führer" an der Spitze; "Stellvertreter des Führers" Rudolf Heß; 19 Reichsleiter (unter ihnen Reichsorganisationsleiter Robert Ley, Stabsleiter des Führer-Stellvertreters Martin Bormann, Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels, Reichspressechef Dietrich, Beauftragter für weltanschauliche Schulung Rosenberg, Stabschef der SA [1 Mio. Mitglieder] Lutze, Reichsführer SS Heinrich Himmler [250 000 Mitglieder], Reichsjugendführer Baldur von Schirach); Untergliederung in Gaue, Kreise, Ortsgruppen, Zellen und Blocks (zur Überwachung der Bevölkerung); außerdem NS-Kraftfahrkorps, NS-Fliegerkorps, Hitler-Jugend, NS-Studentenbund, NS-Dozentenbund, NS-Frauenschaft, Reichsarbeitsdienst, NS-Fachverbände, Reichsbund für Leibesübungen u.a.

    Das Jahr 1936 und 1937

    Das Jahr 1936 brachte gewaltige Steigerung der deutschen Machtposition; Hitler kündigte am 7.3. den Locarnopakt vom Jahr 1925, abgeschlossen zwischen Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien (Garantie der deutschen Westgrenze, Entmilitarisierung des Rheinlandes, friedliche Regelung aller Streitfragen).

    Hitler verlegte Truppen in die entmilitarisierte Rheinlandzone und gewann als Partner im Ausland: Franco (Unterstützung im Spanischen Bürgerkrieg), Mussolini (deutsch-italienischer Vertrag vom 25.10.1936 zur politischen Zusammenarbeit: "Achse Berlin-Rom"), Japan (Antikominternpakt vom 25.11. mit Bündnisabsprache gegen die UdSSR); erheblicher Prestigegewinn durch die Beteiligung des Auslands an den Olympischen Spielen in Berlin (1.8.1936 eröffnet); Steigerung der militärischen Rüstung ergänzt durch zweijährige Militärdienstzeit (24.8. eingeführt) und durch "Vierjahresplan" vom 18.11.; Hitler: "Die deutsche Armee muss in vier Jahren einsatzfähig sein, die deutsche Wirtschaft muss in vier Jahren kriegsfähig sein".

    Zweck: wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Ausland (Autarkie), lückenlose Planwirtschaft, Forcierung der Aufrüstung, deren nächste Zielsetzung Hitler am 5.11.1937 der Generalität unterbreitete ("Hoßbach-Protokoll"): Behebung der deutschen Raumnot durch Besetzung der Tschechoslowakei und Anschluss Österreichs.

    Das Jahr 1938

    Die Aggressionen begannen, nachdem die Exekutive weitgehend engsten Gefolgsleuten Hitlers übertragen war: Himmler, Chef der Gestapo und Reichsführer der SS, war zugleich Chef der gesamten Polizei mit eigenem Geheimdienst; schimpfliche Entlassung des Reichskriegsministers und Oberbefehlshaber der Wehrmacht von Blomberg und des Oberbefehlshabers des Heeres von Fritsch, der durch von Brauchitsch ersetzt wurde.

    Hitler machte sich zum Oberbefehlshaber; die Aufgaben des Reichskriegsministers übernahm das "Oberkommando der Wehrmacht" (OKW) unter Keitel; der "Sonderbeauftragte des Führers" Ribbentrop wurde an Stelle von Neuraths Reichsaußenminister; Reichswirtschaftsminister Schacht wurde durch Göring und dann durch den Staatssekretär im Propagandaministerium Funk, ersetzt; am 12.3.1938 zwang Hitler durch Gewaltandrohung den österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg zum Rücktritt, Besetzung Österreichs (am 10.4. durch das letzte Plebiszit in Deutschland und Österreich gutgeheißen; 49 Millionen Ja-Stimmen); Organisierung des "Großdeutschen Reiches"; Hitler bezahlte Mussolinis Zurückhaltung in der österreichischen Frage mit der Preisgabe von Südtirol.

    Zur Verteidigung gegen Frankreich Bau des Westwalls (seit Juni 1938); die als nächstes Land bedrohte alleinstehende Tschechoslowakei teilmobilisiert (19.5.), da weder von England noch Frankreich, noch von der UdSSR militärische Hilfe zu erwarten war; aus Protest gegen die Kriegspolitik Rücktritt des Chefs des Generalstabs des Heeres, des Generalobersten Beck; Hitler forderte Abtretung der den Anschluss erstrebenden sudetendeutschen Gebiete (September 1938), dem sich unter Druck des Münchener Abkommens zwischen Hitler, Chamberlain, Daladier, Mussolini die Tschechoslowakei nicht widersetzen konnte; Zusicherung Hitlers, dass es seine letzte Revisionsforderung sei; Einmarsch am 1.10.1938; Konrad Henlein Gauleiter des "Gaues Sudetenland"; Vorbereitung einer Erhebung namhafter Heerführer gegen Hitler zur Verhütung des drohenden Krieges durch das Einschwenken der Westmächte illusorisch geworden.

    Erst das von Goebbels und der SA organisierte Judenpogrom ("Reichskristallnacht", 9.11.1938) mit organisierter Zerstörung jüdischer Geschäfte und Synagogen, Tötungen und Misshandlungen jüdischer Bürger und von Göring erpresstem Tribut von 1 Milliarde Mark (vorgeblich "Vergeltung" für die Ermordung des Gesandtschaftsrats vom Rath in Paris durch einen Juden), vor allem aber die Anfang des Jahres 1939 von Hitler erhobenen Forderungen an Polen, die unter dem Druck Hitlers erfolgte Absprengung der Slowakei (Unabhängigkeitserklärung am 14.3.1939) und die unter Bruch des Münchener Abkommens erfolgte Zerschlagung und Annektierung der Resttschechei als "Reichsprotektorat Böhmen-Mähren" (15./16.3.1939) brachten eine Schwenkung der Politik der Westmächte; England führte die allgemeine Wehrpflicht ein (27.3.), nach polnischer Teilmobilmachung britisch-französische Garantie für Polen (31.3.); Hitler gab Anweisung für einheitliche Kriegsvorbereitung (11.4.), kündigte deutsch-englisches Flottenabkommen und deutsch-polnischen Pakt vom 28.4.1934.

    Abschluss eines deutsch-italienischen Militärbündnisses (22.5.); nachdem Litauen am 23.3. das Memelgebiet an das Deutsche Reich zurückgegeben hatte, gewann Hitler den Wettlauf um die Vertrags-Partnerschaft der UdSSR (seit Frühjahr 1939 Verhandlungen der Westmächte um Sicherheitspakt gegen Hitler); im deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23.8. geheime Zusicherung von Beutegewinnen bei "territorialpolitischer Umgestaltung" in den baltischen Staaten und Polen und Abgrenzung von Interessengebieten in Ost- und Südeuropa; Befehl zum Angriff auf Polen (25.8.) wurde unter dem Eindruck des britisch-polnischen Beistandsvertrages, der Kriegsunlust Italiens und letztem Vermittlungsversuch Mussolinis aufgehoben; Mobilmachung Polens am 30.8., Angriffsbefehl Hitlers am 31.8.; Beginn des Angriffs ohne Kriegserklärung am 1.9.1939 (siehe auch Deutschland, Geschichte.


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    1939 Das deutsche Reich und Italien schließen einen Freundschafts- und Bündnisvertrag, den so genannten Stahlpakt".