Realismus und Naturalismus (Literatur)

    Aus WISSEN-digital.de


    Im Gefolge der sozialen und wirtschaftlichen Umgestaltungen, der naturwissenschaftlichen Errungenschaften und des philosophischen Materialismus vollzog die Dichtung vom zweiten Viertel des 19. Jh.s an einer Wendung zu stärkerer Diesseitigkeit und genauerer Betrachtung bei der Darstellung der Wirklichkeit.

    In der deutschen Literatur ging das einher mit einer Politisierung des Lebens, die sich in der Bewegung Junges Deutschland und Vormärz (A. Hoffmann von Fallersleben) manifestierte. G. Büchner wandte sich in seinen Dramen gegen die klassische Form des Theaters und setzte an ihre Stelle den bürgerlichen Realismus.

    Die gebräuchlichsten Gattungen in der realistischen Literatur waren die Romane (G. Keller, T. Fontane) und die Novellen (T. Storm). Die illusionslose naturgetreue Darstellung des Lebens, vor allem der sozial Schwächsten verfocht der Naturalismus mit dem Dramatiker G. Hauptmann als Hauptvertreter.

    Stark verbreitete sich im 19. Jh. auch die Heimatdichtung, die oft die Mundart verwendete (L. Thoma).

    Die realistische französische Literatur wurde begründet durch Stendhal mit seinen chronikartigen Romanen. H. de Balzac schuf mit seinem Zyklus "Die menschliche Komödie", 1829-54 ein Hauptwerk des französischen Realismus.

    Der vom Positivismus beeinflusste französische Naturalismus wird vertreten von É. Zola und G. de Maupassant. Als Gegenbewegung bildete sich der Symbolismus mit seinen schönen Visionen heraus.

    Die realistische italienische Literatur wurde stark von den französischen Dichtern beeinflusst. G. Verga gilt mit seinen Gegenwartsromanen als Begründer des italienischen Naturalismus, des Verismus.

    Im Zeitalter der Königin Viktoria verloren die Poesie und der Roman der englischen Literatur ihren romantischen Schwung (Viktorianismus). Es entstand der bekannte englische soziale Roman, vor allem von C. Dickens ("Oliver Twist", 1838) und W. Thackeray (Gesellschaftssatire). Die Frauenromane der Schwestern Brontë handeln von der Beziehung zwischen Mensch, Landschaft und Schicksal, sind aber durchaus noch romantisch geprägt. G. Eliot schrieb psychologisch-realistische Romane. Als Besonderheit gilt "Alice im Wunderland" von L. Carroll mit seinem englischen Humor. Das Drama wurde Ende des 19. Jh.s wiederbelebt durch die Gesellschaftskomödien O. Wildes.

    Als Wegbereiter des Realismus in der russischen Literatur gilt N. Gogol, mit dessen Erzählungen aus seiner ukrainischen Heimat voller Humor und treffender Beobachtung ein Prozess der Prosaisierung einsetzt. Unter den realistischen Schriftstellern gab es zwei Gruppen: Der Lyriker N. Nekrassow und der Publizist A. Herzen propagierten den französischen utopischen Sozialismus in Russland. Gegen die so genannten Westler wandte sich die Gruppe der Slawophilen, die auf Eigenständigkeit und Überlegenheit der russischen Kultur pochten. Eigene Wege ging der Dramatiker A. Ostrowski mit seinen satirisch-sittenschildernden Stücken.

    Die großen realistischen Erzähler der zweiten Jahrhunderthälfte, F. Dostojewski, der in seinen Romanen die Aspekte Sozialkritik, Tiefenpsychologie und Moral berücksichtigt und der gesellschaftskritische L. Tolstoi beeinflussten nachhaltig die Literatur des Westens. Das gilt ebenso für die beiden bedeutendsten Köpfe der folgenden Schriftstellergeneration, A. Tschechow und M. Gorki. Die Formen, die sie ihren Werken gaben, und die Themen, die sie anschlugen, wirkten bis weit ins 20. Jh. hinein.



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