Realismus und Naturalismus (Bildende Kunst)
Aus WISSEN-digital.de
Realismus
Kunsttheoretische, ästhetische Kategorie, seit Renaissance und Barock zunächst auf die Nachahmung der Natur und ihre Bindung an hohe Ideale beschränkt (so noch bei Diderot), bei Goethe und den Romantikern aber schon vom reinen Abbild gelöst. Realismus ist auch eine kunstgeschichtliche Bezeichnung von Strömungen, Stilelementen in unterschiedlichen Kunstepochen; konnte sich als eigenständiger stilgeschichtlicher Begriff aber nicht durchsetzen. Er bezeichnet eine spezifisch kritische, antizipative, agitatorische Einstellung zur Realität, in Abgrenzung zu ihrer idealistischen Überhöhung oder bloß formalen Abbildung. Die objektive Realität (z.B. des Alltags) wird mit verschiedenen formalen Mitteln kritisch abgebildet, wobei die Hauptmerkmale der abgebildeten Wirklichkeit (Proportionen, plastische Werte, Farbe, Distanzen, Licht usw.) erhalten bleiben. So wird die Darstellung der Wirklichkeit mit ihrer Interpretation verbunden. Der Realismus in der bildenden Kunst hängt somit von den Seh- und Darstellungsgewohnheiten der jeweiligen Epoche und des Künstlers ab.
Realismus gab es bereits in spätmittelalterlicher Kunst (H. Bosch, Grünewald, J. Ratgeb) und später bei Bruegel d.Ä., Caravaggio, J. Callot, W. Hogarth, T. Géricault. In der holländischen Malerei nach der Renaissance entstanden mit Rembrandt, F. Hals, P.P. Rubens (flämische Malerei) besondere Künstler des Realismus, in Spanien Velázquez, Goya.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird in der französischen Kunstkritik zunächst die getreue Wiedergabe regionaler Landschaften und ihrer Bevölkerung als Realismus bezeichnet; mit den revolutionären Impulsen (ab 1848) wird der Begriff politisiert, bewusst als materialistischer Gegenpol zu Romantik und Idealismus verstanden (G. Courbets Ausstellung "Le réalisme", 1855) und sozialen Vorstellungen (inklusive Anklage der Herrschenden) angepasst (H. Daumier, Courbet, W. Leibl, A. Menzel; Vormärz; russische Realisten wie I. Repin u.a.).
Aus diesem Realismus entwickelte sich im 20. Jh. der Realismus der sozialpolitischen Anklage (H. Zille, K. Kollwitz, M. Beckmann, O. Dix, G. Grosz) oder einer profilierten politischen Aussage (P. Picasso, J. Genoves, J. Heartfield). Unter dem programmatischen Begriff Neorealismo trat 1950 eine Gruppe italienischer Künstler (R. Guttuso, G. Mucchi, A. Pizzinato, R. Birolli) auf und propagierte einen parteilichen, politischen Realismus in der Kunst. Daneben hat das 20. Jh. viele realistische Stiltendenzen produziert, wie z.B. den sozialistischen Realismus, den Fotorealismus u.a.
Naturalismus
Abgegrenzt vom Realismus in der Kunst, aber als Stilrichtung realistisch bildender Kunst hat sich der Naturalismus etabliert; er bezeichnet die illusionistische, auf Objektivität und Naturtreue zielende Wiedergabe des Wahrgenommenen, die z.T. bis zur Verwechslung mit einer Fotografie führen kann. Naturalistische Kunst findet sich schon im 5. Jh. v.Chr. (griechische Kunst; Zeuxis); seit dem Mittelalter dokumentiert sie die allmähliche Entdeckung der Abbildfähigkeit von Natur und Umwelt. Das gilt insbesondere für die holländische Malerei des 17. Jh.s. In der deutschen Malerei des späten 19. Jh.s (W. Uhde, M. Liebermann), in der die Naturnähe als realistische Tendenz enthalten ist, wird die antiidealistische Richtung naturalistischer Kunst manifestiert.
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