Protestantismus

    Aus WISSEN-digital.de

    (lateinisch)

    Herkunft des Begriffs aus der Protestation (Einspruch) der evangelischen Stände auf dem 2. Reichstag zu Speyer 1529 gegen die kaiserliche Religionspolitik, der Entscheidung von Glaubensangelegenheiten durch Mehrheitsbeschlüsse. Umfassende Bezeichnung für sämtliche aus der Reformation hervorgegangenen oder den Ideen der Reformation anhängenden christlichen Religionsgemeinschaften im Gegensatz zur katholischen und orthodoxen Kirche; zum Protestantismus gehören unter anderem die lutherischen und reformierten Kirchen. Besonders in den Vereinigten Staaten von Amerika entstanden mehrere vom protestantischen Glauben beeinflusste Freikirchen, z.B. die Methodisten und die Baptisten. - Im engerem Sinne werden nur die Lutheraner und die Anhänger Zwinglis als Protestanten bezeichnet.

    Grundlagen

    Der Protestantismus ging aus der Reformation von Martin Luther (ab 1517) hervor. Heute gibt es schätzungsweise 600 Millionen Protestanten. Für sie sind die vier Evangelien die einzige Richtschnur für Kirche und Verkündigung (Bibel als ausschließliche Heilsquelle des Christentums, Glaube an Rechtfertigung vor Gott allein aus der Gnade - Paulus). Der Glaube ist eher persönlicher und nicht so sehr institutioneller Natur. Der Protestanismus kennt also keine Hierarchie wie die katholische Kirche. Betont wird dagegen die Rolle des eigenen Gewissens, der heute auch die katholische Kirche zustimmt.

    In Deutschland ist die Gruppe von 25,8 Millionen Gläubigen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft.

    Geschichte

    Ausgangspunkt Luthers Veröffentlichung seiner 95 Thesen gegen Missbrauch im Ablasswesen 1517, auch der Meinungsstreit zwischen dem Schweizer Prediger Zwingli und dem Ablasshändler Samson 1518. Versuche, die Gegensätze innerhalb der Gesamtkirche beizulegen - in Augsburg 1518 (Cajetan), Altenburg 1519 (Miltitz) und Leipzig 1519 (Eck) - führten zu keiner Einigung, sondern zur Verschärfung (Bannbulle gegen Luther 1520, Wormser Edikt 1521). Im Marburger Religionsgespräch 1529, veranlasst von Landgraf Philipp von Hessen, scheiterte Einigung zwischen Luther und Zwingli an der verschiedenen Auslegung der Abendmahlslehre. Seitdem Ausprägung einer lutherischen und einer reformierten Dogmatik (Calvin). Ausbreitung der lutherischen Richtung in Nord- und Ostdeutschland, in Teilen von Süd-Deutschland, in Skandinavien und z.T. in England, der reformierten Richtung Calvins in der Schweiz, z.T. in Süd-Deutschland, in Frankreich, den Niederlanden, England.

    1530 Augsburger Konfession, von Melanchthon als Grundlage der protestantischen Bekenntnislehre verfasst, durch Reichstagsbeschluss abgewiesen (Vollzug der Kirchenspaltung), der drohende Religionskrieg durch außenpolitische Bindung Karls V. (Türkengefahr) verzögert. 1531 Zusammenschluss einiger protestantischer Reichsstände zum Schmalkaldischen Bund. 1541 Johann Calvins Kirchenverfassung in Genf. Nach dem Schmalkaldischen Krieg (1546/47) und dem Aufstand des Kurfürsten Moritz von Sachsen (1552; Passauer Vertrag) im Augsburger Religionsfrieden (1555) die Augsburger Konfession reichsrechtlich als gleichberechtigt anerkannt (die nicht anerkannte, reformierte Glaubensrichtung in wachsendem Gegensatz zum lutherischen Protestantismus). Im Konzil zu Trient (1545-63) weckten Reformdekrete die Widerstandskraft der katholischen Kirche gegen den Protestantismus (innere Reformen und Aktivierung der Gegenreformation). Lutherische Reichsstände beseitigten in der Konkordienformel 1577 Glaubensunterschiede und schlossen sich 1607 zu gegenseitigem Schutz in der "Union" zusammen. 1609 Gründung des katholischen Gegenbundes (Liga).

    Nach dem Dreißigjährigen Krieg im Westfälischen Frieden (1648) Erneuerung des Augsburger Religionsfriedens unter Einschluss der Reformierten, Anerkennung der kirchlichen Besitz- und Bekenntnisverhältnisse nach dem Stand von 1624 ("Normaljahr"), Bestätigung der kirchlichen Spaltung im Deutschen Reich.

    Weitere Entwicklung des Protestantismus bestimmt durch das Streben nach Einigung und durch das Entstehen neuer protestantischer Religionsgemeinschaften. Im 18. Jh. neben der orthodoxen Richtung Ausbildung des Pietismus als Ausdruck persönlicher Verinnerlichung. Selbstständige Richtungen besonders in Großbritannien und Amerika betonten einzelne Glaubensgrundsätze (freikirchliche Bewegungen innerhalb des Protestantismus). 1817 Gründung der evangelischen Union von Reformierten und Lutheranern in Preußen.

    Als Auffangbewegung für das Gedankengut der Aufklärung entwickelte sich der liberale, antidogmatische Neuprotestantismus (beeinflusst von Kant, Herden Lessing); Versuch der Romantik, den philosophischen deutschen Idealismus mit der protestantischen Lehre zu verbinden (Schleiermacher); nach dem Ersten Weltkrieg "Lutherrenaissance", 1922 Bildung des Deutschen evangelischen Kirchenbundes (Vereinigung der Landeskirchen auf Reichsebene), während des Dritten Reiches innere Zerrissenheit: nationalsozialistisch ausgerichtete "Deutsche Christen" und oppositionelle "Bekenntniskirche", 1945 bzw. 1948 Neuzusammenschluss in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD); Bestrebungen zur stärkeren Betonung des altkirchlichen Dogmas.

    In der "Ökumenischen Bewegung", ausgegangen von der Edinburgher Weltmissionskonferenz 1910, wird die Einheit aller christlichen Kirchen in Idee und sichtbarer Gemeinsamkeit angestrebt.



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