Haiti Geschichte

    Aus WISSEN-digital.de

    Besiedlung durch Europäer

    Auf seiner ersten "Westindien"-Reise entdeckte Christoph Kolumbus 1492 die gebirgige Insel, auf der heute die beiden Staaten Haiti und Dominikanische Republik liegen. Sie wurde von den ansässigen Aruak-Indianern "Aiti" (gebirigiges Land) oder "Quisqueya" (Mutter der Erde) genannt. Kolumbus gab ihr den Namen Namen "La Española" (kleines Spanien; lat. Hispaniola).

    Nur wenige Jahrzehnte später galten die Aruak-Indianer auf der Insel infolge eingeschleppter Krankheiten und Zwangsarbeit als ausgestorben. Nachdem sich die von den Spaniern erhofften Goldvorkommen als nur mäßig erwiesen, begannen die Siedler mit dem Anbau von Zuckerrohr auf Plantagen. Dafür wurden zahlreiche schwarzafrikanische Sklaven auf die Insel gebracht.

    1496 wurde an der Südküste die Stadt "Nueva Isabella" gegründet, das später als Santo Domingo den zentralen Verwaltungssitz für die spanischen Besitzungen in der "Neuen Welt" bildete. Das Gebiet des heutigen Haiti im Westteil der Insel verlor an Bedeutung. 1586 wurde Santo Domingo durch den englischen Freibeuter Sir Francis Drake zerstört.

    Französische Kolonie

    Im 17. Jh. ließen sich englische, französische und niederländische Piraten an den Küsten der Insel Hispaniola bzw. auf den vorgelagerten Inseln (wie z.B. Tortuga, Ile de la Tortue) nieder. Von hier aus überfielen sie die vorbeifahrenden spanischen Schiffe mit ihren Silberladungen. Im Westen der Insel konnten sich die Franzosen gegen die Spanier durchsetzen, im Frieden von Rijswijk (1697) wurde ihnen das Gebiet offiziell zugesprochen, das nun "Saint Domingue" genannt wurde. Durch den florierenden Handel mit Sklaven, Zuckerrohr, Kaffee und Baumwolle entwickelte sich die Kolonie im 18. Jh. zu einer der reichsten französischen Besitzungen. Cap Francais (heute Cap Haïtien), die damalige Hauptstadt, wurde als "karibisches Paris" bezeichnet.

    Kampf um die Unabhängigkeit

    Eine kleine weiße Oberschicht reicher Pflanzer herrschte über die Masse der schwarzen Sklaven. In Anlehnung an die französische Revolution und ihre Ideale brach 1791 in Saint Domingue ein Aufstand schwarzer Sklaven gegen die französischen Grundbesitzer aus. Der ehemalige Sklave Toussaint Louverture wurde der Führer der Aufständischen. Zwei Jahre später wurde in Frankreich die Sklaverei offiziell abgeschafft, dennoch hielt der Bürgerkrieg im Westteil der Insel Hispaniola unvermindert an und griff auch auf den spanischen Ostteil über. Die Aufständischen konnten sich gegen die Kolonialmächte durchsetzen: zunächst traten die Spanier ihren Teil der Insel an Frankreich ab, 1803 mussten auch die Franzosen die Insel verlassen. Toussaint Louvertures Nachfolger (er war ein Jahr zuvor verhaftet worden), Jean-Jacques Dessalines, erklärte am 1. Januar 1804 die Insel Hispaniola unter dem Namen "Haiti" für unabhängig und ernannte sich selbst als Jacques I. zum Kaiser.

    Nach seiner Ermordung im Oktober 1806 kam es erneut zum Bürgerkrieg, diesmal zwischen Schwarzen und Mulatten. Die spanischstämmige Bevölkerung im Ostteil der Insel, die sich als "Dominicanos" bezeichneten, eroberten den Ostteil der Insel wieder zurück, der sich 1814 erneut unter die Herrschaft der spanischen Krone stellte. Im Dezember 1821 löste sich dieses Gebiet endgültig vom spanischen Mutterland und erklärte als "Spanisch-Haiti" seine Unabhängigkeit.

    Im Westteil der Insel etablierten sich zwei konkurrierende Reiche: im Süden eine Republik der Mulatten unter der Führung von A.S. Pétion, im Norden ein Königreich unter dem Schwarzenführer Henri Christophe als König Henri I. Unter dem Präsidenten Jean Pierre Boyer eroberten die Truppen der Mulattenrepublik zunächst den Nordwesten der Insel (1820) und 1821 auch den Ostteil der Insel, "Spanisch-Haiti". Die ganze Insel war für kurze Zeit als Republik Haiti geeint.

    Haiti und die Dominikanische Republik

    Der Widerstand in Spanisch-Haiti, vor allem durch die Rebellenbewegung "La Trinitaria" getragen, führte dazu, dass sich der Ostteil Hispaniolas im Januar 1844 erneut befreite und als "Dominikanische Republik" für unabhängig erklärte. Versuche, diesen Teil der Insel wieder zurückzuerobern und an die Republik Haiti anzugliedern, scheiterten wiederholt (1848, 1855).

    In der Republik kam es bis 1915 durch den Konflikt zwischen Mulatten und Schwarzen zu einer Vielzahl von Staatstreichen, Bürgerkriegen und Revolten. Das Verhältnis zur Dominikanischen Republik blieb extrem angespannt. 1915 marschierten US-amerikanische Truppen in die Republik Haiti ein und verwalteten diese bis 1934. Dadurch kam es zu einer vorübergehenden Stabilisierung der innenpolitischen Situation. Nach dem Abzug der Amerikaner kam es erneut zu anhaltenden Unruhen.

    Haiti unter den Duvaliers

    1957 übernahm der schwarze Arzt und Politiker Francois Duvallier das Amt des Regierungschefs, damit setzte sich die schwarze Bevölkerungsmehrheit gegen die Mulatten durch. Duvallier errichtete mit Hilfe seiner Privatarmee ("Tontons Macoutes") ein diktatorisches Regime beispielloser Härte. Korruption und Misswirtschaft führten den Großteil der Bevölkerung in bittere Armut und schwächten das wirtschaftlich ohnehin angeschlagene Land weiter. Aufgrund der zahlreichen Menschenrechtsverletzungen stellten auch die USA ihre Wirtschaftshilfe für die Republik Haiti ein.

    1964 ernannte sich Duvallier, genannt "Papa Doc", zum Präsidenten auf Lebenszeit. Nach seinem Tod 1971 übernahm sein Sohn Jean-Claude Duavallier ("Baby Doc") das Amt des Staatsoberhauptes. Er wurde 1986 gestürzt und floh nach Frankreich.

    Demokratisierungsversuche

    1987 erhielt Haiti nach einer Volksabstimmung eine demokratische Verfassung. Die angesetzten freien Wahlen konnten jedoch aufgrund neuer Kämpfe und Auseinandersetzungen nicht abgehalten werden. Nach hohen Militärs als Führer der Republik bildete im März 1990 Eartha Pascal Trouillot eine zivile Übergangsregierung. Nach den ersten freien Wahlen wurde im Februar 1991 der ehemalige katholische Priester Jean Bertrand Aristide zum Staatspräsidenten der Republik Haiti. Zu seinen erklärten Zielen gehörte der Kampf gegen Korruption und Misswirtschaft und eine Demokratisierung des Landes.

    Nur ein halbes Jahr später wurde Aristide durch das Militär wieder seines Amtes enthoben. Daraufhin kam es zu einer Reihe von internationalen Protesten. Im April 1993 verhängte die UNO ein Wirtschaftsembargo gegen Haiti, von dem nur Lebensmittel und Medikamente ausgenommen waren. Im September 1994 wurden von den USA 15 000 Soldaten in Haiti stationiert, um die demokratischen Verhältnisse wieder herzustellen. Auf massiven Druck hin zogen sich die Putschisten zurück und Jean Bertrand Aristide übernahm wieder sein Amt als Staatsoberhaupt.

    Die UNO hoben ihr Handelsembargo auf und sicherten dem vollkommen verarmten Land Entwicklungshilfe in Höhe von rund 550 Millionen US-Dollar zu. Gleichzeitig versuchten viele Haitianer der schlechten wirtschaftlichen Lage durch Flucht in die USA zu entkommen. Die innenpolitische Lage im Land blieb auch weiterhin angespannt, immer wieder kam es zu Anschlägen und bewaffneten Auseinandersetzungen.

    Der amtierende Staatspräsident René Préval (seit 1995) bemühte sich 1996 um verbesserte Beziehungen zum Nachbarstaat Dominikanische Republik und zu Kuba. Seine Pläne, bis dahin verstaatlichte Betriebe zu reprivatisieren und im öffentlichen Dienst Stellen abzubauen, stießen im eigenen Land auf viel Widerstand. Von Juli 1997 bis Juli 1998 war das Amt des Ministerpräsidenten nicht besetzt, da das Parlament dem gewählten Kandidaten die Zusammenarbeit verweigerte.

    Im Juli 2000 fanden Parlamentswahlen statt, die im Vorfeld mehrmals verschoben worden waren. Die Partei "Fanmi Lavalas" (FL) des Ex-Staatsoberhauptes Aristide ging als Sieger aus den von internationalen Beobachtern als inkorrekt beurteilten Wahlen hervor. Bei den Präsidentschaftswahlen im November 2000, die von gewalttätigen Auseinandersetzungen begleitet wurden, siegte Jean Bertrand Aristide mit über 90 % der Stimmen (Amtsantritt Februar 2001). Bei den Wahlen zum Senat im gleichen Monat riefen die in der "Convergance Démocratique" (CD) zusammengeschlossenen Oppositionsparteien zum Wahlboykott auf und sprachen von massivem Wahlbetrug. Wiederrum hatte die FL von Aristide alle neu zu vergebenden Sitze gewonnen.

    Als Reaktion auf die Unstimmigkeiten bei den Wahlen stornierten die Hauptgeberländer ihre Entwicklungsgelder für Haiti und forderten die Einhaltung der demokratischen Grundrechte. Daraufhin verpflichtete sich Staatspräsident Aristide auf eine Wiederholung der Wahlen in absehbarer Zeit und zu Gesprächen mit dem Oppositionsbündnis. Nach dem raschen Scheitern der Gespräche erklärte die "Convergance Démocratique" den Menschenrechtsaktivisten Gerard Gourgue zum provisorischen Gegenpräsidenten. Als der Senat dessen Verhaftung beschloss, ging Gourgue in den Untergrund.

    Durch Proteste von Regierungsgegnern kam es im Februar 2004 zu einer Revolte gegen den umstrittenen Präsidenten. Rebellen brachten mehrere Städte unter ihre Kontrolle und forderten den Rücktritt Aristides. Dieser gab daraufhin sein Amt auf und floh vorerst nach Zentralafrika. Eine multinationale Friedenstruppe wurde auf Haiti stationiert und unter dem Übergangspräsidenten Boniface Alexandre eine neue Regierung gestellt (Ministerpräsident Gérard Latortue). 2006 wurde René Préval zum neuen Präsidenten gewählt, Jacques-Edouard Alexs ist seitdem Premierminister.

    Obwohl das Land nun seit Anfang 2006 wieder eine durch Wahlen legitimierte Regierung besitzt und zudem Unterstützung von einer UN-Friedenstruppe erhält, herrschen nach wie vor chaotische Verhältnisse. Haiti gilt als eines der korruptesten Länder der Erde. Ende Juli 2006 sicherte eine internationale Gebergemeinschaft dem Land 750 Mio. US-Dollar Entwicklungshilfe zu. Außerdem wurde Haiti in ein Entschuldungsprogramm aufgenommen. Die Voraussetzung dafür war, dass umfassende politische, soziale und wirtschaftliche Reformen in Gang gesetzt werden.

    Die für Januar 2010 geplanten Wahlen mussten auf Grund eines schweren Erdbebens verschoben werden, das Beben traf Haiti am 12. Januar 2010 und forderte etwa 316.000 Opfer. Mit einer sehr geringen Wahlbeteiligung siegte Michel Martelly mit 67,6 Prozent der Stimmen.



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