Das grinsende Antlitz der Occupy-Bewegung
Aus WISSEN-digital.de
Seit Jahren schon tauchen sie vereinzelt immer wieder auf Demonstrationen auf, seit dem Anwachsen der Occupy-Bewegung aber sind sie kaum noch zu übersehen: grinsende Masken aus Plastik mit einem stilisierten, blassen Gesicht, das zu einem der Musketiere gehören könnte oder in den venezianische Karneval.
Die Vorlage zum Konterfei bildet Guy Fawkes, ein katholischer Terrorist aus dem 16. Jahrhundert – und das bedarf dann doch einer Erklärung.
Nicht gerade zimperlich: Guy Fawkes und V wie Vendetta
Guy Fawkes war ein britischer Offizier, der am 5. November 1605 36 Fässer Schießpulver im Keller unter dem englischen Parlament versteckte, um es samt dem katholizismus-feindlichen König in die Luft zu jagen. Er wurde verraten und gehenkt. Bis heute feiern die Engländer im Gedenken an das vereitelte Attentat die sogenannte "Bonfire Night“, eine Mischung aus Halloween und Volksfest – manch einer verbrennt dabei der Tradition entsprechend eine Guy-Fawkes-Puppe auf einem improvisierten Scheiterhaufen.
Das alles klingt nicht nach einem Volkshelden und noch viel weniger nach einer passenden Symbolfigur für die selbsterklärt friedliche und religiös unmotivierte Occupy-Bewegung. Um die weltweit um sich greifende Mode unter Demonstranten zu verstehen, muss man sich deshalb eher an die jüngere Geschichte halten. In den 1980er Jahren erschien mit "V wie Vendetta“ ein Comic, in dem der Held "V“ eben jene Maske trägt. 2006 kam die Geschichte in einer gleichnamigen Verfilmung in die Kinos und verhalf der Maske zu weltweiter Bekanntheit.
"V wie Vendetta“ spielt nach einem fiktiven dritten Weltkrieg in einem fiktiven, faschistoiden England, das stark an die Überwachungsvisionen von Orwells "1984“ erinnert. Als anarchistischer Widerstandskämpfer gegen das Regime geht "V“ äußerst brutal vor: Er will der Welt einen Neuanfang ermöglichen, indem er das alte System zerstört. Was Fawkes nicht gelungen war, bringt "V“ nun zu Ende: Er sprengt das britische Parlament. Im weiteren Verlauf mordet er nicht ohne Lust und foltert in einer Art Treuetest selbst seine Verbündete.
Eines haben Guy Fawkes und "V“ also gemeinsam: den terroristischen Kampf gegen die herrschende Autorität. Der Ältere diente dem Jüngeren zumindest in der Entstehungszeit des Comics auch explizit deshalb als Vorbild, wie sich aus einer Notiz des Vendetta-Zeichners David Lloyd an den Autor Alan Moore ersehen lässt: "Warum zeigen wir unseren Helden nicht als einen auferstandenen Guy Fawkes […]? Das würde […] Guy Fawkes das Image geben, das er all diese Jahre verdient hat. Wir sollten den Kerl nicht an jedem 5. November verbrennen, sondern ihn feiern für seinen Versuch, das Parlament zu sprengen!“
Netzkultur und Anonymität
Vor diesem Hintergrund ist man versucht zu glauben, dass die friedlichen Protestanten im Fawkes- oder V-Kostüm das gewaltsame Vorgehen ihres Idols einfach ausblenden und sich in einer etwas beliebigen Symbolsprache rein auf den Aspekt des Widerstandes konzentrieren.
An den Anfängen der Mode hat jedoch ein weiterer Gesichtspunkt eine bedeutende Rolle gespielt: die Anonymität. Die Aktivisten des Internetkollektivs "Anonymous“ trugen 2008 beim Protest gegen Scientology erstmals die V-Maske. In ihrer Funktion als Vermummungsschutz bezog sie sich ganz klar auf "V“, der im Comic mit der Maske einerseits seine Verstümmelungen durch das Regime und andererseits seine Identität verbirgt. In der Folge war das Konterfei vornehmlich das Erkennungszeichen von Internetaktivisten, die sich für Netzfreiheit einsetzten. Die Masken waren bei Protesten gegen die Verhaftung des WikiLeaks-Gründers Assange genauso zu sehen wie auf den Protesten gegen Internetzensur in Deutschland 2009.
Brecht lässt grüßen
Im Zuge der weltweiten Proteste gegen eine untransparente Politik und unkontrollierbare Märkte – die sich inzwischen als Occupy-Bewegung einen gemeinsamen Namen gegeben hat - avancierte das Rebellen-Antlitz dann zum Symbol des globalen Volksaufstandes. Dass die erklärt friedliche Protestbewegung die gewalttätige Vita des Idols vernachlässigt, ist wohl einer komplexen Vermischung von Assoziationen geschuldet.
Zum einen gibt es in England eine Art Volkswitz, demnach Guy Fawkes der einzige Mensch gewesen sei, der jemals ein Parlament mit ehrlichen Absichten betreten habe. Sich in seine Tradition zu stellen, drückt in diesem Sinne vor allem eines aus: das Misstrauen gegenüber der politischen Klasse.
Zudem spielt die enge Verbindung von Forderungen aus der Netzkultur mit denen der Occupy-Bewegung sicherlich eine Rolle und begünstigte die sympathisierende Übernahme des Symbols im besonderen Fokus auf den Anonymitätsaspekt.
Nicht zuletzt ist es vielleicht aber auch gerade die Ambivalenz der Figur, die sie geeignet für einen Aufstand der Bürger macht. So zumindest würde das wohl der Vater des Vendetta-Comics Alan Moore sehen. Über sein Werk sagt er in der Manier des epischen Theaters: "Ich habe es moralisch sehr, sehr vieldeutig gestaltet. Die Kernfrage ist: Hat dieser Typ recht? Oder ist er verrückt? Was denkst du, Leser, darüber? Das erschien mir als der richtige anarchistische Weg: Ich wollte den Menschen nicht sagen, was sie denken sollen. Ich wollte ihnen nur sagen, dass sie denken sollen und dabei einige der kleinen, extremen Ereignisse bedenken, die sich in der Menschheitsgeschichte recht regelmäßig wiederholen.“
Kommentare
Aber die Fratze an sich ist doch sehr nett und zweckdienlich. :-)
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