Byzantinisches Reich

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    auch: Oströmisches Reich;

    Dauer

    Das christliche Reich der Griechen währte von 395 (Teilung des Römischen Reiches) bis 1453 (Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen).

    Entstehung Byzanz' und Blüte der Theologie

    Hervorgegangen aus der Reichsaufgliederung Diokletians, die Konstantin durch die äußerst bedeutungsvolle, aus strategischen Gründen (gegen die Perser) erfolgende Verlegung der Reichshauptstadt von Rom nach Byzanz (später: Konstantinopel; heute: Istanbul) 330 bekräftigte. 395 endgültige Teilung des Imperiums unter Theodosius, dem letzten Alleinherrscher des Gesamtreiches, der das Reich unter seine Söhne Arkadius (Osten) und Honorius (Westen) aufteilte.

    Das Byzantinische Reich umfasste um 400 den Balkan südlich der unteren Donau (etwa ab Belgrad), aber ohne Dalmatien, Kleinasien bis ans Hochland von Armenien, Syrien, Palästina, Sinaihalbinsel, Ägypten und Libyen und alle Ostmittelmeerinseln: ungefährer Grenzverlauf zwischen Ost und West: Belgrad - Südostspitze Italiens - Große Syrte.

    Anders als Westrom verstand es Ostrom, sich der Germaneneinfälle zu erwehren und von den Erschütterungen der Völkerwanderung zum großen Teil verschont zu bleiben (Abwehr der Westgoten, Hunnen unter Attila und Ostgoten unter Theoderich; Bewahrung des griechisch-hellenistischen Sprach- und Kulturerbes); 451 Gründung des Patriarchats von Konstantinopel; Ausbau der Verfassung der griechischen Kirche und Hochblüte der Theologie und der christlichen Philosophie; Entfaltung des weltflüchtigen griechischen Mönchtums.

    Cäsaropapismus und Zurückeroberung eines Teils Westroms

    Nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches 476 n.Chr. bewahrte im Westen das Papsttum die gesamtrömische Kaiser- und Reichsidee (vorerst in Abhängigkeit von Ostrom, bis die Päpste die Franken als ihre Schutzmacht anerkannten), im Osten beanspruchten die byzantinischen Kaiser das Kaisererbe und verbanden die Funktion des Cäsars mit der des Pontifex maximus ("Cäsaropapismus" gegenüber dem späteren Dualismus Kaiser und Papst im Westen).

    Vom Osten ging unter Kaiser Justinian I. (527-565) der letzte tatkräftige Versuch aus, Ostrom wieder zum Haupt eines römischen Gesamtreiches zu machen; nach Kodifizierung des gesamtrömischen Rechtes im (noch lateinisch verfassten, christlich durchsetzten) Corpus iuris (534);

    Zurückeroberung eines Teiles der weströmischen Reichshälfte; es wurden Nordafrika nach Zerstörung des Vandalenreiches durch Belisar (534), Italien nach Vernichtung des Ostgotenreiches durch Narses (552-554) und ein Teil des westgotischen Südspanien (554) oströmische Reichsglieder; vorübergehende Überwindung des abendländischen Schismas (wegen der christologischen Frage);

    Bau der Hagia Sophia als neuem Reichssymbol; unter Justinian Vorstoß der Slawen und Bulgaren in die byzantinischen Balkanprovinzen und der Perser in Kleinasien (hier wurde die Friedenssicherung durch Tributzahlung erkauft; starker Einfluss des Orients auf die byzantinische Herrscheridee).

    Unter Justinians Nachfolgern Verlust von großen Teilen Italiens an die Langobarden (seit 568) und Aufteilung Italiens in langobardische und byzantinische Einflussgebiete (byzantinisch waren unter anderem das Exarchat Ravenna mit Unteritalien und Sizilien und Dukat Rom). Nach Festsetzung der Slawen auf dem Balkan unter Kaiser Heraklius I. (61()641) Reichsreform zur Stärkung der Abwehrkraft: Aufteilung in Wehrkreise (Themen) unter kommandierenden Generalen (auch in den italischen und nordafrikanischen Provinzen), Wehrbauerntum an den Grenzen; Hellenisierung der Kultur (Griechisch wurde Amtssprache, der Kaiser nannte sich Basileus); drei Kreuzzüge gegen die Perser (Zusammenbruch des Sassanidenreiches, 627); Abwehrkämpfe gegen Awaren und Slawen.

    In der Folge tauchten als neue Gegner das Donaubulgarische Reich (seit 680) und die Araber auf, die Ägypten, Syrien, Palästina erobert hatten und byzantinische Provinzen in Persien besetzten, aber 678 und 718 vor Konstantinopel zurückgeworfen wurden (Rettung des Abendlandes): Kleinasien blieb byzantinisches Bollwerk gegen den Islam.

    Bilderstreit und Christianisierung Russlands

    Im 8. und 9. Jh. hundertjähriger zerrüttender Bilderstreit (Heiligenbilderverehrung als gotteslästerlich verboten, Vernichtung der Bilder); Höhepunkt des Bilderstreits unter Leo III. und Konstantin V. Zulassung der Bilderverehrung unter Kaiserin Irene, endgültig unter Kaiserin Theodora 843.

    Langobarden eroberten 751 Exarchat von Ravenna, der Papst beanspruchte Dukat von Rom; nur Unteritalien und Sizilien (bis 827) blieben byzantinisch (Anerkennung des Kaisertums Karls des Großen, Hinwendung des Papsttums zum Frankenreich); obwohl sich die Byzantiner noch Römer nannten, weitere Entfremdung zwischen Ost und West. Gegen Leo VI. den Weisen (886-912), der sich "Auserwählter Gottes" nannte und ein absolutistisches Regiment führte, verfocht Patriarch Photias die Zweigewaltenlehre;

    das Corpus iuris Justinians wurde durch neues Reichsgesetz abgelöst (Festigung des Beamtentums, Zunftordnung für Handel, Schiffbau; Seidenherstellung). Unter Konstantin VII. Porphyrogennetos (912-963) Blüte der Wissenschaften ("Makedonische Renaissance" antiker Schriftsteller), Förderung der Klein- und Wehrbauern. 961 wurden Kreta, 965 Zypern, 969 Teile Syriens, 974/75 Teile Palästinas dem Islam entrissen, 972 wurde Bulgarien byzantinische Provinz; Beginn der Missionierung des Balkans (Serbien, Bulgarien) und Mährens im Sinne des byzantinischen Christentums;

    weltgeschichtlich folgenreich wurde die Christianisierung Russlands besonders unter Basilios II.; das Byzantinische Reich erstreckte sich von der Adria bis Armenien, von der Donau bis zum Euphrat; doch nach Aufgabe der Themenverfassung und durch das Übergewicht der Zivilverwaltung und der Großgrundbesitzer Aufstieg der Territorialgewalten und Schwächung der Wehrkraft, vor allem im Kampf gegen die Offensive der Petschenegen von der Donau her, der Normannen (Verlust Unteritaliens) und der türkischen Seldschuken (Verlust Innerkleinasiens).

    Schisma und Tiefpunkt der Macht

    Unter Konstantin IX. (1042-1055) wegen dogmatischen und kirchenpolitischen Streitfragen Trennung der Ost- und Westkirche 1054 (gegenseitige Bannung Papst Leos IX. und des Patriarchen Michael Cärularius'), später Übergreifen des Schismas auf bulgarische, rumänische, serbische und russisch-orthodoxe Kirche (Ostkirchen).

    In den folgenden Jahren Tiefpunkt der byzantinischen Macht. Italien war restlos, der Balkan teilweise, Kleinasien fast völlig verloren; die Zentralgewalt gelähmt; Währungsverfall; 1081 begründete General Alexios Komnenos als Alexios I. (1081-1118) die Komnenen-Dynastie und schlug mit Hilfe Venedigs und Genuas die Normannen zurück; Venedig erhielt 1082 Handelsvorrechte (Beginn seines Seereiches);

    Alexios gewann im 1. Kreuzzug 1096/97 Teile Kleinasiens zurück: Manuel I. (1143-1180) erstrebte vergeblich die Zurückgewinnung Italiens; nach ihm Zersetzung des Reiches durch Thronfolgekämpfe, um 1200 Verlust des Balkans. Byzanz, für Fehlschläge in den Kreuzzügen verantwortlich gemacht, wurde auf Betreiben Venedigs unter Führung des vertriebenen Kaisersohnes Alexios IV. Angriffsziel des 4. Kreuzzuges und fiel 1204 in die Hand der Kreuzfahrer;

    Errichtung des Latinischen Kaisertums in Byzanz und Umgebung; Zerfall des übrigen Reichsgebietes in Herzogtümer, Grafschaften, Baronien und die Teilreiche von Epirus an der Adria, Trapezunt am Schwarzen Meer, Nicäa in Nordwest-Kleinasien; starke kulturelle gegenseitige westöstliche Durchdringung, aber kirchliche und soziale Gegensätze zwischen Herrschenden und rechtloser Bevölkerung;

    der Dynastie von Nicäa (Paläologen) gelang 1261 die Wiedergewinnung von Konstantinopel (Ende des Latinischen Kaisertums). Kaiser Michael VIII. Palaiologos (1258-1282) suchte gegen Venedig das Bündnis Genuas und durch Union mit der römischen Kirche (Konzil von Lyon 1274) Beendigung des Schismas, scheiterte aber an innerem Widerstand; um 1300 ging Kleinasien erneut verloren.

    14. Jahrhundert

    Das 14. Jh. war gekennzeichnet durch das weitere Vordringen der Osmanen, die Konstantinopel umgingen und Bulgarien, Serbien, Thessalien, Griechenland, die Dobrudscha besetzten. Kulturzentrum war zeitweise Mistra (Sparta) auf dem Peloponnes. Johannes V. (1354-1391) erhoffte durch erneutes Unionsangebot militärische Hilfe des Westens;

    auch er scheiterte an den inneren Gegensätzen (sozialradikale Bewegung, mystische Sektierer); um 1400 war das Byzantinische Reich fast ganz auf die Hauptstadt beschränkt; das kirchliche Erbe trat Moskau an; erneute Unionspläne schlugen fehl (1437 in Rom, 1439 in Florenz), da sie vom Volk und von Russland abgelehnt wurden ("Lieber ein türkischer Turban als eine römische Mitra");

    auch der letzte Aufruf zur Union 1452 und zur Hilfeleistung war vergebens und wurde von den in partikularistischen Interessen befangenen abendländischen Staaten überhört; nur eine kleine päpstliche Hilfstruppe eilte nach Konstantinopel.

    Eroberung durch die Osmanen

    Die durch Mongolenangriffe vorübergehend geschwächten Türken begannen 1453 unter Sultan Mehemed Il. (1451-1481) die Belagerung Konstantinopels, das sie am 29. Mai unter Einsatz schwerer Artillerie eroberten; der letzte Paläologe, Kaiser Konstantin XI. Dragasas, fiel; Konstantinopel wurde türkische Hauptstadt.

    1456 wurde Athen, 1460 der Peloponnes, 1461 Trapezunt erobert, das sich seit 1204 als eigenes Kaiserreich erhalten hatte; der Südwesten des Abendlandes war dem weiteren Vordringen der Türken geöffnet; 1459 eroberten sie Serbien, 1463 Bosnien, 1464 die Walachei, 1479 Albanien, 1483 die Herzegowina, 1526 fast ganz Ungarn, die Verteidigung des Abendlandes übernahm das Haus Habsburg.

    Bedeutung des Byzantinischen Reiches

    Die lange Zeit unterschätzte Bedeutung des Byzantinischen Reiches liegt nicht nur in der Abdämmung der Anstürme, denen Europa vom Osten (Slawen) und vom Orient (Islam) her ausgesetzt war, sondern vor allem auch in seinen Kulturleistungen, die sowohl in das Abendland wie in den Vorderen Orient und nach Russland ausstrahlten: Das christliche theologisch-philosophische Denken des frühen Mittelalters wurde entscheidend mitgeprägt durch die Schriften frühbyzantinischer Theologen (unter anderem Eusebius, Athanasius, Basilius, Gregor von Nyssa, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomos); bis in die Stauferzeit wirkte Byzanz auf das abendländische Kaisertum einerseits durch Heiraten, andererseits als Vorbild für Herrschaftsordnungen, Hofzeremonien und Lebensformen, die Araber übernahmen vom Byzantinischen Reich Heeresordnungen, Waffen- und Schiffbautechniken.

    In die profane Literatur des Abendlandes strömten starke Einflüsse aus den Werken der byzantinischen Geschichtsschreiber, Altertumskundler, Philosophen und vor allem der Übersetzer, da Byzanz das hellenische und hellenistische Erbe umfassender bewahrte als der Westen; auf dem Gebiet der bildenden Kunst war die Ausstrahlungskraft des Byzantinischen Reichs besonders groß;

    die Kunst entwickelte sich aus frühchristlichen, spätantiken, später auch orientalischen Elementen und gelangte mehrmals zu hoher Blüte (Architektur, Mosaik- und Reliefkunst, Raumdekoration, Wandmalerei, Elfenbeinschnitzerei, Bronzeguss, Seidenweberei); Ravenna (Kirche, Mosaiken), Venedig (Markusdom), Rom, Süditalien, Sizilien, aber auch Russland, der Balkan, Armenien, Georgien bergen viele Zeugen des byzantinischen Kunsteinflusses; in der italienischen Malkunst des 13. Jh.s ist die "maniera greca" oder "bizantina" ein fester Begriff; auch die deutsche Romanik und Gotik und der deutsche Humanismus erhielten Anregungen aus dem byzantinischen Kunst- und Kulturbereich.

    Siehe auch byzantinische Kunst und byzantinische Literatur.



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