Byzantinische Kunst

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    Einleitung

    Epoche der europäischen Kunst 330 n.Chr. bis 1453 im Osten des ehemaligen Römischen Reiches. Der Übergang von der frühchristlichen Kunst vollzog sich, als Konstantin der Große Byzanz (das spätere Konstantinopel und heutige Istanbul) zur neuen Hauptstadt des Römischen Reiches erhob; das Ende der byzantinischen Kunst kam 1453 mit der Eroberung der Stadt durch die Osmanen.

    Die byzantinische Kunst ist hauptsächlich geprägt durch die spätantike Kultur Griechenlands und Roms und die darauf aufbauende frühchristliche Kunst. Daneben verarbeitete sie orientalische Elemente. Ihre herausragende Bedeutung hatte sie v.a. in Verbindung zum Ritus der orthodoxen Kirche. Im Gegensatz zur antiken Kunst wurden nicht Plastizität und Körperlichkeit angestrebt, sondern Spiritualität und Vergeistigung.

    Die byzantinische Kunst beeinflusste die mittelalterliche europäische Kunst besonders in Sizilien, Venedig und Südfrankreich, ebenso die Kunst in den Balkanländern und den angrenzenden asiatischen Gebieten wie Armenien, Georgien und Syrien. Die nachbyzantinische Kunst brachte viele regionale Besonderheiten hervor und war v.a. auf dem Balkan, auf Kreta, in Serbien, Griechenland und Bulgarien beheimatet. Träger dieser nachbyzantinischen Kunst waren meist die Klöster, die eigene Schulen herausbildeten und auch der nachmittelalterlichen und europäischen Kunst Impulse gaben.

    Architektur

    In den Jahren 532-37 ließ Kaiser Justinian in Konstantinopel die Hagia Sophia erbauen. Die Kreuzkuppelkirche wurde zum Hauptmerkmal byzantinischer Baukunst. Die Verbindung von Langhaus und zentraler Kuppel brachte den Typus der Kuppelbasilika hervor (Johanneskirche in Ephesus, Apostelkirche in Istanbul, Hagia Irene in Saloniki). Im 7. Jh. entstand im oströmischen Exarchat Ravenna mit San Vitale ein reiner Zentralbau, der auch im Mittelalter Nachahmung fand, z.B. in der Palastkapelle von Aachen.

    Reste früher byzantinischer Architektur haben sich v.a. in den ehemaligen Provinzen erhalten. Dazu gehören u.a. Bauten in Syrien, so die riesige, kreuzförmige Basilika des hl. Symeon Stylites in Qalat Siman (um 480-490).

    In der mittelbyzantinischen Periode erlebte die byzantinische Kunst ihre höchste Blüte. Die entscheidenden künstlerischen Impulse und Ausprägungen erfuhr sie durch die Dynastien der Makedonen und Komnenen (bis 1204). Der prägende byzantinische Kirchentyp wurde die Kreuzkuppelkirche, deren Kuppelrand von vier Säulen getragen wird (z.B. die rekonstruierte Nordkirche des Lipsklosters in Istanbul). Die liturgisch dreigeteilte Apsis wurde durch eine Schranke (Ikonostase) vom Gemeinderaum abgetrennt.

    In spätbyzantinischer Zeit, beginnend mit der Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer (1204) und der Errichtung des Lateinischen Kaiserreiches, erfuhr die Architektur unter den Paläologenkaisern eine letzte Blüte. Neben den Kreuzkuppelkirchen entstanden steil überhöhte Umgangskirchen (Fenari Isa und Fethiye Cami in Istanbul).

    Bildhauerei und Kunsthandwerk

    An bildhauerischen Arbeiten entstanden hauptsächlich Reliefs, große freiplastische Figuren wurden als "heidnisch" angesehen. Die frühbyzantinische Kunst brachte zahlreiche hochwertige Elfenbeinschnitzereien hervor (so genannte Maximianskathedra, Ravenna, 6. Jh.). Neben Gold- und Emailarbeiten, geschnittenen Steinen und Gläsern ist die Brokat- und Seidenweberei zu nennen, die häufig mit der Technik auch die orientalischen Muster übernahm.

    Malerei

    In der orthodoxen Kirche nahm die Verehrung der Heiligen in Bildern, so genannten Ikonen, einen großen Raum ein (Heilige Jungfrau mit den Heiligen Theodoros und Georgios, 6. Jh.; Katharinen-Kloster auf dem Sinai, Ägypten).

    Die frühe byzantinische Kunst brachte Meisterwerke der Mosaikkunst hervor. Die bedeutendsten Mosaiken überhaupt entstanden in San Vitale in Ravenna (540-547). Die Apsis zeigt Christus auf der Weltkugel, in der Fensterzone ist Kaiser Justinian mit seiner Frau Theodora und seinem Hofstaat dargestellt. Auch einige Beispiele der Buchmalerei (z.T. mit Purpur) sind überliefert (Codex Sinopensis, Wiener Genesis, Codex Rossanensis). Die Ausbreitung des Islam und Differenzen in Glaubensfragen führten zum Niedergang der frühbyzantinischen Kunst, was sich z.B. darin äußerte, dass Mosaiken und Wandmalereien abgeschlagen oder übertüncht wurden. Das Konzil von Nizäa legte nach der 1. Phase des Bilderstreits (726-80) die orthodoxe Bilderlehre fest, das Konzil von Konstantinopel setzte sie nach der 2. Phase (815-42) wieder in Kraft.

    Für den Bildschmuck an Wänden, Kuppel und Ikonostase bildete sich ein festes ikonographisches Programm heraus. Der Stil der byzantinischen Mosaiken des 9. Jh.s war ein bewegt linearer, nachvollziehbar z.B. in der Apsis der Hagia Sophia in Konstantinopel oder in der Kuppel der Hagia Sophia in Saloniki.

    Eine Wiederbelebung spätantiker Formen hatte die Buchmalerei des späteren 9. und des beginnenden 10. Jh.s zu verzeichnen (makedonische Renaissance). Die Grundlagen byzantinischer Malerei wurden im Malerbuch vom Berg Athos festgehalten. Das 11. Jh. der byzantinischen Kunst brachte flächig-lineare Fresken und Mosaiken hervor wie in Osios Lukas (Mittelgriechenland), in Nea Moni auf Chios, in Ohrid, Makedonien. Die komnenische Dynastie ist in ihrer Prägung der byzantinischen Kunst besonders gut in dem Pantokratorkloster in Istanbul zu erkennen, ebenso in dem Kloster von Dafni mit den linear angelegten expressiven Mosaiken (um 1100). Dieser Stil wurde weitergetragen nach Russland (Wladimir), Sizilien (Palermo, Cefalù, Monreale), Makedonien (Nerezi bei Skopje), Serbien (Sopocani) und Bulgarien (Bojana). Der Komnenenstil entwickelte sich im 12. Jh. in Malerei und Mosaik zunehmend psychologisierend (Ikone der Gottesmutter von Wladimir, Moskau, Tretjakow-Galerie).

    In spätbyzantinscher Zeit erhielten die Mosaiken Räumlichkeit und Bildtiefe, die Figuren gewannen Körperlichkeit und Naturnähe (Choralkirche in Istanbul, Apostelkirche in Saloniki). Diese Entwicklung ist gleichzeitig in der Fresko- und Ikonenmalerei zu verzeichnen (Mistra, Saloniki, Berg Athos).