Architektur (Baukunst)

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    (lateinisch: architectura, "Baukunst")

    Im weiteren Sinn meint Architektur jede Form des Bauens; im engeren Sinn wird Architektur (Hochbau und Städtebau) vom Tiefbau unterschieden. Zudem befasst sich Architektur als Teilgebiet der Kunst hauptsächlich mit der künstlerischen Form von Bauwerken, im Gegensatz zur Konstruktion, die sich mit der Technik befasst.

    Da die Baukunst nur in Ausnahmen (z.B. Denkmale) auf einen praktisch-nützlichen Effekt verzichten darf, ist sie immer auch Ausdruck der spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisse, der Ideologien der Bauherren, der Staatsformen, der Produktionsweise usw. (so: Burgen und Schlösser des Adels, Geschäftshäuser des Bürgertums, Kultgebäude, Befestigungen, Massenquartiere der Industriegesellschaft u.a.). Außerdem steht die Baukunst, je nach Kunstepoche unterschiedlich ausgeprägt, in enger Verbindung mit der bildenden Kunst und dem Kunsthandwerk: Als schmückende, gestalterische Mittel der Baukunst kommen Baukeramik, farbiger Anstrich, Wandmalerei, Bauplastik und -ornamentik und Stuck zum Einsatz.

    Teilgebiete

    Nach dem verwendeten Material kann man Steinbau, Backsteinbau und Holzbau unterscheiden.

    Der Bestimmung nach teilt man Architektur in kirchliche Baukunst (Sakralbau) und weltliche Baukunst (Profanbau) ein. Die Untergebiete des Profanbaus sind der Burgen- und Palastbau sowie öffentliche und private Bauten.

    Unter Stadtbaukunst versteht man die Ordnung von Einzelbauten durch Achsen und Plätze zu einem Gesamtgebilde. Landschafts- und Gartenkunst gestaltet die Außenanlagen von Schlössern, Palästen und öffentlichen Gebäuden. Die Innenarchitektur beschäftigt sich mit der Gestaltung und Dekoration von Innenräumen.

    Geschichte

    Zu detaillierteren Angaben über die Geschichte der verschiedenen nationalen Architekturen siehe auch chinesische, indische, griechische, römische und islamische Kunst.

    Anfänge

    Die Geschichte der Architektur beginnt mit der Sesshaftigkeit des Menschen: Zum ersten Mal wurden feste Behausungen in der Mittelsteinzeit (Neolithikum) errichtet. Die Sumerer bauten Wohnhäuser und Festungsbauten aus Lehmziegeln. Um 4 000 v.Chr. entstanden in Mesopotamien die ersten von Wohngebäuden unterschiedenen Tempel (Zikkurat). Die ältesten bekannten Steinbauten (ca. 3 000 v.Chr.) stehen auf Malta. Die Funktion des um 2 100 v.Chr. entstandenen Monuments von Stonehenge ist bis heute unklar.

    Die Architektur des Alten Reiches in Ägypten brachte die Pyramiden hervor, die als Grabbauten für die Pharaonen dienten. Die ägyptischen Tempel waren blockhafte Monumente aus Steinquadern mit Säulenhallen im Inneren.

    Antike

    Das wichtigste Gebäude in der griechischen Architektur ist der Tempel. Grundelemente wie die Säule und die Grundlagen der Proportionslehre wirken bis in die heutige Architektur nach. Im 4. Jh. v.Chr. wurden die ersten steinernen Theater errichtet (Epidauros).

    In der römischen Kunst stützte man sich auf die griechische Architektur. Daneben hatte auch der Zweckbau eine große Bedeutung: Im gesamten Mittelmeerraum errichteten römische Ingenieure Wohn- und Festungsbauten, Brücken und Aquädukte. Für die repräsentativen Kaiserpaläste und Thermen verwendeten die Römer Kuppeln und Kreuzgewölbe. Als Landhaus diente die Villa. Aus dem griechischen Theater entwickelte sich das Amphitheater, z.B. das Kolosseum in Rom. Der römische Ingenieur und Architekt Vitruv fasste in seiner Schrift "De architectura" die Grundlagen der antiken Baukunst - Materialien, Stilformen und Gebäudetypen - zusammen.

    Mittelalter

    Das frühe Mittelalter griff für seine Kirchenbauten nicht auf antike Tempel zurück, da das Christentum Versammlungsräume für die Gemeinde benötigte; als Vorbild diente die mehrschiffige römische Markthalle, Basilika genannt. Im östlichen Teil des Römischen Reiches verwendete die byzantinische Architektur bevorzugt Zentralbauten (Kreuzkuppelkirche).

    In der Romanik entstand mit antikem Wissen, das sich in Klosterbibliotheken erhalten hatte, ein neuer Kirchentypus: der tonnengewölbte Bau mit Querschiff und Apsis. Romanische Architektur ist vor allem wehrhaft und massig. Die Gotik entwickelte ausgehend vom Kloster Cluny eine neue Technik der Überwölbung, das Kreuzrippengewölbe mit einem Rippen- und Pfeilersystem, am Außenbau von Strebewerk gestützt. Mittelalterliche Bauhütten errichteten in Frankreich, England und später auch in Deutschland riesige, hochstrebende Kathedralen mit großen Maßwerkfenstern.

    Neben dem Sakralbau erhielt auch der Festungsbau neue Bedeutung (Burgen der Kreuzritter, Stadtbefestigungen).

    Frühe Neuzeit

    In Italien wurden in der Renaissance griechische und römische Baustile wieder aufgegriffen. Architekturtheoretiker wie L.B. Alberti trugen entscheidend zur Rezeption antiker Architektur bei. Die Pazzikapelle in Florenz, die F. Brunelleschi um 1440 für die Medici errichtete, ist ein exakt konstruierter Raum aus geometrischen Elementen nach den Regeln des Goldenen Schnitts. In der Renaissance bildete sich ebenso die Städtebautheorie heraus, die Gestaltung einer Stadtanlage oder einzelner Bezirke nach künstlerischen, architektonischen Gesichtspunkten (Städtebau).

    Bedeutende Familien ließen sich als Stadtwohnung einen Palazzo errichten; der wichtigste in Florenz ist der Palazzo Medici-Riccardi von Michelozzo, der für alle anderen zum Vorbild wurde.

    Ein anderes Zentrum der Renaissancearchitektur war Rom; vor allem der Neubau der Peterskirche war ein wichtiges Bauvorhaben. Bramante, Michelangelo und C. Maderno waren daran beteiligt.

    Im Manierismus wurden seit der Mitte des 16. Jh.s theatermäßige Effekte angewendet, die Wände mit Schmuckelementen überzogen. Bedeutendstes Beispiel ist der Palazzo del Té in Mantua von G. Romano. S. Serlio und G. da Vignola schrieben Architekturtraktate, in denen die antiken Ordnungen klassifiziert wurden.

    Beherrschend für seine Zeit und ein Vorbild für spätere Epochen war A. Palladio, der vor allem in Venedig und bei Vicenza tätig war. Für ihn waren ausgewogene Proportionen von größter Bedeutung; seine Grundsätze veröffentlichte er 1570 in den "Vier Büchern der Architektur".

    Nördlich der Alpen setzte sich die Renaissance zuerst am französischen Königshof durch. An der Loire entstanden zahlreiche Schlösser, in Paris begann P. Lescot mit dem Bau des Louvre. In Deutschland wurden Renaissance-Elemente vor allem zur Fassadengestaltung verwendet (Augsburger Rathaus von E. Holl). Aufwändige Rathaus- und Wohnbauten zeugen vom wachsenden Selbstbewusstsein der Bürger.

    Ausgehend von Italien, in enger Verbindung zur Gegenreformation, entwickelte sich seit dem 17. Jh. der Barock. Die Bauwerke dieser Epoche waren gekennzeichnet durch Bewegung und Spannung; Architektur, Skulptur und Malerei verschmolzen zum Gesamtkunstwerk. In Italien entstanden Paläste und Kirchen von G. Bernini, F. Borromini und G. Guarini. Vor allem die großen absolutistischen Fürsten ließen sich Paläste und Gartenanlagen bauen.

    Der erste barocke Sakralbau nördlich der Alpen war der Salzburger Dom (1614-1628). Ihren Höhepunkt erreichte die Barockarchitektur im 18. Jh. unter B. Neumann (Würzburger Residenz), J.B. Fischer von Erlach (Wiener Palastarchitektur) und A. Schlüter (Berliner Schloss).

    In Frankreich arbeiteten im Barock J. Hardouin-Mansart (Invalidendom), L. Le Vau und Ch. Le Brun für den Sonnenkönig Ludwig XIV. Schloss Versailles wurde ein Vorbild für alle europäischen Fürstenhöfe.

    Der Hauptvertreter der englischen Barockarchitektur ist Sir C. Wren, sein wichtigstes Werk die St. Paul's Cathedral in London.

    Schwelgerisch ausgestatte Innenräume für Schlösser und Paläste entstanden im Rokoko, zunächst in Frankreich (G. Boffrand). Seine größte Blütezeit hatte dieser Stil in Bayern und Österreich; er ist charakterisiert von zunehmender Auflösung des klassischen Formenkanons. Bedeutende Baumeister des Rokoko sind D. Zimmermann, J.M. Fischer und F. Cuvilliés.

    Seit Mitte des 18. Jh.s existiert die Baustatik im modernen Sinn, verbunden mit der Trennung von künstlerisch arbeitendem Architekten und konstruierendem Ingenieur, ausgelöst durch den Übergang zur industriellen Bauweise, die mit standardisierten Bauelementen operiert.

    19. Jahrhundert

    Als Gegenbewegung zum Rokoko griffen die Architekten im Klassizismus - entsprechend der verstandesbetonten Haltung der Aufklärung - wieder auf die Architektur der Antike und Renaissance zurück. Vor allem in England war Palladio das Vorbild (R. Adam). In Deutschland baute K. F. Schinkel für den preußischen Königshof in Berlin (Neue Wache), F. Klenze für den bayerischen König Ludwig I. in München (Ruhmeshalle, Propyläen). Eine Rückbesinnung auf mittelalterliche Architektur versuchte die Neugotik.

    Ab der Mitte des 19. Jh.s ging man im Historismus dazu über, zahlreiche Elemente aus verschiedenen Stilepochen zu übernehmen (Neubarock); die verwendete Stilrichtung richtete sich oft nach der Funktion des Gebäudes: Antike Architektur für Parlamentsgebäude, gotische Elemente für Rathäuser, Renaissance-Architektur für Theater.

    Nach der Industriellen Revolution entstanden für die Architektur ganz neue Möglichkeiten durch neue Baumaterialien wie Glas, Stahl und Beton. Die so genannte Ingenieurarchitektur befasste sich mit der genauen statischen Berechnung und Konstruktion. Neue Bauaufgaben waren Brücken, Fabrikgebäude und Bahnhöfe. Ein wichtiges Beispiel ist der Londoner Kristallpalast (J. Paxton) und der in Stahlskelettkonstruktion errichtete Eiffelturm (1889).

    Moderne Architektur

    Die Architektur des 20. Jh.s sah sich vor neue Aufgaben gestellt. Der Deutsche Werkbund befasste sich mit der Entwicklung menschenwürdiger, moderner Architektur. Von L. Sullivan und der Chicago School kam die Forderung: "Die Form ergibt sich aus der Funktion". Auch der Jugendstil (P. Behrens, O. Wagner, A. Loos, J. Hoffmann) hatte die Tendenz zu klar gegliederten Baukörpern, stellte sich jedoch teilweise mit ornamentaler Gestaltung gegen den reinen Funktionalismus. Einen sehr individuellen Stil prägte der Katalane A. Gaudí in Barcelona.

    Gegen vereinzelte Bauten des Expressionismus (Einsteinturm von E. Mendelsohn in Potsdam) setzte sich in den 1920er Jahren das kubische, nüchterne Prinzip des Bauhauses durch (Gropius, Mies van der Rohe, J.J.P. Oud).

    Der so genannte Internationale Stil dominierte - auch durch die Emigration europäischer Architekten - seit den 1930er Jahren auch in den USA, Südamerika und Israel, vor allem für Wohn- und Bürogebäude. Gegen den Trend arbeiteten Künstler wie Le Corbusier, A. Aalto und F. L. Wright (Guggenheim Museum, New York). Der so genannte Brutalismus ist durch die Verwendung von Beton ohne Verputz gekennzeichnet (Wallfahrtskirche in Ronchamp von Le Corbusier).

    In Deutschland, Russland und Italien dominierte während den 1930er Jahren eine von antiken Elementen abgeleitete, ins Größenwahnsinnige gesteigerte Monumentalarchitektur (Neoklassizismus).

    Die Beseitigung der Kriegsschäden brachte in Europa gewaltige Bauaufgaben; im Wohnhausbau entstanden vielfach fantasielose Wohnkasernen.

    Aus den USA kam die Lösung verschiedener technischer Bauprobleme (Hängedach, Schalenbauweise). Eine bedeutende Leistung auf diesem Gebiet vollbrachte F. Otto mit der Zeltdachkonstruktion des Olympiastadions in München.

    Die Postmoderne (R. Venturi, P. Johnson) versucht seit ca. 1965 mit dem Rückgriff auf traditionelle Formen und Materialien dem seelenlosen Stahlbeton- und Glasbau entgegen zu wirken (R. Johnson, M. Graves, J. Stirling).

    Neue Tendenzen der 1990er Jahre sind die so genannte Hightech-Architektur (N. Foster, R. Rogers, R. Piano), die vor allem Fassadengestaltung betreibt und mit neuen Techniken experimentiert, und ein neuer Traditionalismus, der an die Architektur der 1920er Jahre anknüpft (A. Rossi).



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